„Goldene Hochzeiten“ für manche Gemeinden in der Region St. Pölten

Erstellt am 01. August 2022 | 05:08
Lesezeit: 3 Min
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Die Ortsende-Tafel von St. Georgen verkündete im Jänner 1972 mit schwarzem Trauerflor das Ende der Gemeinde, die ein Stadtteil St. Pöltens wurde.
Foto: Stadtarchiv/Lukas Kalteis
Mit 1. Jänner 1972 wurden in der Region zahlreiche Gemeinden „verheiratet“. St. Pölten verdoppelte Fläche, Gerersdorf und Stössing erreichten die „Scheidung“.
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Foto: NOEN

Vor 50 Jahren reduzierte der NÖ Landtag per Verordnung die Anzahl der Gemeinden um fast ein Drittel. Vormals stolze, eigenständige Gemeinden fanden sich nach dem 1. Jänner 1972 als kleine Katastralgemeinden wieder, die von da an von größeren Nachbarn mitverwaltet wurden.

In der Region sorgte diese Entscheidung bereits im Vorfeld für heftige Auseinandersetzungen in den Gemeinderäten und innerhalb der Parteien zu Spannungen zwischen Landes-und Gemeindeebene. Aufklärungskampagnen über finanzielle Anreize und die Verbesserung der kommunalen Infrastruktur standen gegen Lokalpatriotismus und die Angst, in den neu zusammengewürfelten politischen Gremien weniger Einfluss zu haben.

St. Pölten überschritt mit der Eingemeindung von St. Georgen, Ochsenburg, Pottenbrunn, Ratzersdorf, Gerersdorf Pummersdorf, Schwadorf, Nadelbach, Hafing sowie Ober- und Unterzwischenbrunn erstmals die 50.000 Einwohnermarke und verdoppelte seine Stadtfläche. Niederösterreichs größte Stadt erhielt zusätzlich auch Altmannsdorf und Windpassing von Pyhra, das wiederum mit der ehemaligen Gemeinde Wald fusioniert wurde.

Die Zusammenlegungen stießen teilweise auf erbitterte Gegenwehr. St. Georgen und Pottenbrunn stimmten beispielsweise einstimmig gegen die Zwangsehe mit der Stadt. Viele der betroffenen Gemeinden hatten erst 1955 wieder ihre Eigenständigkeit erlangt, nachdem das NS-Regime sie in die Verwaltungseinheit „Groß-St. Pölten“ gepresst hatte.

Da die Gemeindemandatare gegen die Landesverordnung wenig ausrichten konnten, verhallte die Gegenwehr bald und die Gemeinden aus dem Bezirk St. Pölten beugten sich den Eingemeindungen.

„Gallische Dörfer“ wehrten sich gegen Fusionierung

Der ganze Bezirk? Nein! Zwei von unbeugsamen Bürgern bevölkerte Dörfer hörten nicht auf, gegen die Zusammenlegungen Widerstand zu leisten. Gerersdorf, das zwischen St. Pölten und Prinzersdorf aufgeteilt und Stössing, das mit Kasten „zwangsverheiratet“ worden war, rangen in einem scheinbar aussichtslosen Kampf in „gallischer Manier“ für die Wiedererlangung der Eigenständigkeit.

Entgegen allen Erwartungen hatten beide Gemeinden Erfolg und setzten die „Scheidung“ durch. Die „Interessensgemeinschaft zur Wiederherstellung der Gemeinde Gerersdorf“ zog mit einer Klage bis vor den Verfassungsgerichtshof und schaffte so 1982 die Restauration der alten Gemeinde.

Etwas länger mussten hingegen die Stössinger auf die ersehnte Unabhängigkeit warten. Nach 16 Jahren „Ehe“ mit Kasten wurde Stössing 1988 wieder eigenständig, hatte aber einen hohen Preis zu bezahlen, denn die Katastralgemeinde Mayerhöfen wurde im Zuge dessen an die Nachbargemeinde Michelbach angegliedert.

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