Mutter gegen Tochter – wegen 20-Euro-Schein. St. Pöltnerin bezichtigte Tochter des Diebstahls. Urteil: Freispruch für die 15-Jährige, Falschaussage-Verfahren gegen Mutter.

Von Marlene Groihofer. Erstellt am 13. Januar 2020 (16:13)
Am St. Pöltener Gericht fand die Verhandlung statt
NOEN, Hinterndorfer

Mit Tränen in den Augen sitzt eine 15-jährige St. Pöltnerin auf der Anklagebank am Landesgericht. Hinter der Jugendlichen hat ihr Vater Platz genommen. Vor der Tür wartet jene Frau, von der sie des „minderschweren Raubes“ beschuldigt wird: ihre Mutter.

Mutter lediglich um 90 Cent für Bus gebeten

Um 20 Euro geht es, die die 15-Jährige ihrer Mama aus der Geldbörse entwendet haben soll. Die St. Pöltnerin habe ihrer Mutter das Portemonnaie aus der Hand gerissen und ihr einen Stoß versetzt, der zum Sturz führte, so die Anklageschrift. Mit den 20 Euro sei sie aus dem Haus gelaufen, die Mutter sei leicht verletzt zurückgeblieben. und rief die Polizei.

„Das stimmt nicht“, sagt die 15-Jährige. Sie habe ihre Mutter lediglich um 90 Cent für eine Busfahrt in die Stadt gebeten. Mit Erlaubnis habe sie sich diese genommen, als die Mutter ihr die Börse plötzlich aus der Hand riss. „Ich habe weder 20 Euro gestohlen, noch habe ich meine Mama gestoßen.“

„Überrascht“ zeigt sich der Richter, als die im Anschluss vorgeladene Mutter nicht von ihrem „Aussagebefreiungsrecht“ Gebrauch macht. „Dieses stünde ihnen zu, um ihre Tochter nicht zu belasten.“ Nein, sie wolle aussagen, so die Putzfrau mit bosnischen Wurzeln.

„Warum haben Sie die Polizei gerufen?“

Die Tochter habe nach Geld verlangt, sie habe verweigert, woraufhin ein Gerangel um die Börse entstanden sei, erzählt sie. „Und der in der Anklageschrift beschriebene Stoß?“, fragt der Richter. „Nein, gestoßen hat sie mich nicht“, kann sich die Mutter nun an keinen Sturz mehr erinnern.

„Dann haben Sie jetzt ein Problem“, so der Richter, „Wegen falscher Zeugenaussage.“ Warum sie nicht überhaupt einfach gewartet habe, bis die Tochter wieder nach Hause gekommen ist, um mit ihr zu reden, statt die Polizei zu rufen, will eine Schöffin wissen. „Wir leben doch in einem geschützten Land“, entgegnet die Mutter.

Der Anwalt der 15-Jährigen, die in der Vergangenheit bereits durch einen Ladendiebstahl und eine Anzeige gegen ihren Vater aufgefallen war, fordert einen Freispruch für seine Mandantin: „Eine Verurteilung wäre völlig katastrophal für ihren weiteren Lebensverlauf.“ Aktuell sucht die Jugendliche eine Lehrstelle. „Eine derartige Gleichgültigkeit einer Mutter gegenüber ihrer jugendlichen Tochter ist mir in meinen gesamten 17 Jahren als Strafrichter noch nicht untergekommen“, so der Richter.

Das Fazit: Freispruch für die 15-Jährige und ein Strafverfahren gegen die Mutter wegen falscher Zeugenaussage. Mit Ende der Verhandlung war das Urteil noch nicht rechtskräftig.