Nach Unwettern: Methode gegen den Schlamm. Felder konnten Regenmassen im Bezirk St. Pölten nicht halten. „Musterbeispiel“ zeigt, wie es gehen könnte.

Von Martin Gruber-Dorninger. Erstellt am 17. Juni 2020 (03:43)
Zentimeterhoch standen Wasser und Schlamm nach dem Starkregen in den Straßen von Hafnerbach.
privat

Beunruhigende Bilder waren vor wenigen Tagen aus Hafnerbach und Haunoldstein zu sehen. Wasser und Schlammmassen von den Feldern bahnten sich ihren Weg durch die Ortschaften. Dort fluteten sie Keller und Gärten und rissen sogar Autos mit sich. Von den Unwettern geblieben sind nicht nur verschmutzte Häuser und Straßen, sondern auch ausgewaschene und ruinierte Felder. Hafnerbachs Bürgermeister Stefan Gratzl will seine Gemeinde für kommende Unwetter wappnen. Er fordert auch die Landwirtschaft auf, Wege zu finden, damit es künftig zu weniger Bodenerosion kommt.

Kurz nach dem Regenguss ging Landwirt Thomas Hubmann auf seine Felder. Während auf den benachbarten Ackerflächen noch immer das Wasser stand, blieb sein Feld von den Folgen des Sturzregens verschont. Vor einigen Jahren hat Hubmann auf regenerative Landwirtschaft umgestellt. Er setzt auf Direktsaat und verzichtet auf Pflügen und Eggen.

Bewuchs stabilisiert den Boden

Thomas Hubmann mit Töchterchen Anna auf einem Feld in Hafnerbach, das regenerativ bearbeitet wird. Er verzichtet auf Pflügen und Eggen. Der Boden kann dadurch mehr Wasser nach einem Starkregenereignis aufnehmen.
Hubmann

„Wir halten die Flächen immergrün“, erklärt er. Nach der Ernte der Hauptfrucht, beispielsweise Weizen, Mais oder Zuckerrüben, sät er eine Zwischenfrucht, zum Beispiel Klee oder Hafer. Ein Teil der Zwischenfrucht wird geerntet und dient seinen Tieren als Futter, ein Teil verbleibt auf dem Feld. „Das bildet eine schützende Deckschicht und vermindert auch die Aufschlagsgeschwindigkeit der Regentropfen auf den Boden“, führt Hubmann aus. Der Bewuchs stabilisiere zudem den Boden, Insekten und Würmer tragen mit ihren Bauten und Röhren ebenfalls dazu bei.

Eine aktive Humusbewirtschaftung empfiehlt auch Martin Gerzabek vom Institut für Bodenforschung der Universität für Bodenkultur (Boku). Eine möglichst lückenlose Pflanzendecke wirke der Erodierbarkeit entgegen. „Dazu kommt eine möglichst schonende Bodenbearbeitung, um die Verdichtung zu vermeiden“, rät Gerzabek. Verdichtung führe zusätzlich zu Barrieren für raschen Wassertransport in den Untergrund und so zur schnelleren Ausbildung von Oberflächenabfluss.

Als „Musterbeispiel“ bezeichnet Bürgermeister Stefan Gratzl den Bauernhof von Thomas Hubmann. „Natürlich ist auch die Landwirtschaft gefordert, Wege zu finden, dass es künftig zu keinen so starken Abschwemmungen der Äcker mehr kommt“, will Gratzl, dass das Beispiel Hubmann in Hafnerbach Schule macht. Er fürchte nämlich, dass seine Gemeinde immer öfter den Naturgewalten ausgesetzt sein wird. Eine Zunahme der Erosionsereignisse nimmt auch Gerzabek wahr, „auch wenn die Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Flächen im Durchschnitt deutlich nachhaltiger geworden ist“. Er sieht die Ursache vor allem in den Auswirkungen des Klimawandels. Extreme Trockenperioden hätten in den letzten Jahren zugenommen und würden durch lokale Starkregenereignisse unterbrochen. Regen trifft dann auf ausgetrockneten Boden, das Wasser kann nicht schnell genug eindringen, es entsteht Oberflächenabfluss.

Unwetterschäden in Millionenhöhe

Die jüngsten Unwetter verursachten alleine im Bezirk St. Pölten einen Schaden in Millionenhöhe, schätzt der frischgebackene Bezirksbauernkammer-Obmann Anton Kaiblinger. Er sieht als Ursache für die Bodenerosion auch den ungünstigen Zeitpunkt des Starkregenereignisses. Die neu entstehenden Pflanzen auf den Äckern seien noch zu klein gewesen, um der Erosion entgegenzuwirken. Der Bebauung Hubmanns steht Kaiblinger positiv gegenüber. Es werde überall gepredigt, möglichst bodenschonend zu arbeiten und dadurch Wegschwemmungen zu verhindern. Der Kammerobmann gibt aber zu bedenken: „Ohne Glyphosat ist diese Art von Bewirtschaftung derzeit undenkbar.“

Das bestätigt auch Hubmann. Das Unkrautbekämpfungsmittel gewährleiste das Überleben der Feldfrucht. Ohne Glyphosat
wäre der Kampf seiner Feldfrüchte gegen das Unkraut erfolglos. „Wenn es verboten wird, ist das ein Rückschlag für das System“, so Hubmann. Es müsste mehr mechanisch bearbeitet werden, was wiederum die Böden verdichtet und die Erosion fördert.