Erstellt am 21. November 2011, 00:00

bis zu 400 Jobs wackeln. 190 Arbeiter bleiben können. An neuer Lösung wird gearbeitet.

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VON MARIO KERN

ST. PÖLTEN / Es war wie ein Paukenschlag für 576 Werkarbeiter, aber einer ohne Jubel und Trompeten: Am Montag der Vorwoche erhielten die Arbeiter des St. Pöltner Werks der Technischen Services der ÖBB die Hiobsbotschaft, dass bis zum Jahr 2017 rund 400 Arbeitsplätze gestrichen werden sollen.

Pragmatisierte Arbeiter (70 Prozent aller im Werk Tätigen) sollen in anderen Werkstätten (in Österreich gibt es noch zwei in Wien, eines in Linz und eines in Knittelfeld) unterkommen, der Rest solle abgebaut werden.

„In den letzten Monaten und Jahren haben wir uns abgerackert, weil wir wussten, dass die Lage schwierig ist. Wir haben an Feiertagen und Sonntagen gearbeitet, den Schichtbetrieb in Kauf genommen“, versteht ein zermürbter Arbeiter des Werks die Welt nicht mehr.

Eine „Kahlschlagpolitik“ nennt Nationalratsabgeordneter Anton Heinzl das Personalhandling des ÖBB-Managements. „Ursprünglich hätte das St. Pöltner TS-Werk ganz geschlossen werden sollen, das konnte aber verhindert werden.“

400 Arbeiter gehen offiziell,  inoffiziell sollen es 200 sein

 

Die Anfang der Woche kolportierten 400 Mitarbeiter, die das Werk verlassen müssen, werden von Heinzl und einigen Insidern, die aufgrund laufender Verhandlungen nicht genannt werden wollen, auf eher 200 geschätzt. Bürgermeister Matthias Stadler spricht von der Hälfte und nennt das Personalprogramm einen „harten Schlag für St. Pölten“.

Bei den ÖBB begründet man die Maßnahmen mit der „strategischen Neuausrichtung“.

Das Auslaufen der Railjet-Montage 2012 habe zur Folge, dass die Schwerpunkte der Technischen Services dann nur mehr in der Wartung und Instandhaltung von Schienenfahrzeugen und Komponenten liegen. St. Pölten solle ein „Dieselkompetenzzentrum“ werden.

ÖBB: „Werk in St. Pölten  wird nicht geschlossen“

 

Entgegen der ursprünglichen Befürchtung werden St. Pölten und auch Simmering nicht geschlossen, versichert ÖBB-Sprecher Christopher Seif.

„Es wird aber zu einer Reduktion der Produktionsflächen kommen.“ Durch diese Verringerung von Kosten und die „Nutzung von Synergien“ werde der „erfolgreiche Weg der Bahn“ weitergeführt, so Seif. Das Werk in Linz benötige übrigens personelle Kapazitäten.

Offiziell sollen 190 Mitarbeiter am Standort in St. Pölten bleiben und damit knapp 400 gehen müssen.

In den nächsten fünf Jahren sollen 210 Arbeiter in die Werke Simmering und Jedlersdorf sowie 70 nach Linz kommen. „Rund 100 Mitarbeiter werden aufgrund der üblichen Fluktuation bis 2017 voraussichtlich aus dem Unternehmen ausscheiden.“

„Jeder Platz, der in St. Pölten  bleibt, ist ein gewonnener“

 

Inoffiziell versucht man derzeit in zahlreichen Verhandlungen, alle Arbeiter in St. Pölten zu behalten.

Betriebsrat und Gewerkschafter stehen mit Politikern an vorderster Front, um das TS-Werk in St. Pölten nicht aushungern zu lassen und Kompetenzen vor Ort zu halten.

Am Freitag starteten neue Verhandlungen auf politischer Ebene, die als deklariertes oberstes Ziel die Erhaltung aller Plätze im St. Pöltner Werk haben. Im Betriebsrat des TS-Werks hofft man: „Jeder Platz, der in St. Pölten bleibt, ist ein gewonnener. Möglich ist noch alles.“

ÖBB-Sprecher Christopher Seif spricht offiziell von gut 400 Arbeitern, die bis 2017 gehen müssen.

Anton Heinzl weiß von 200 Personen, die entlassen werden oder in anderen Werken arbeiten sollen.



„ÖBB werken an einem planlosen Programm“

„Es zeugt nicht von hoher Managerkunst, Arbeit nach Ungarn und in die Slowakei outzusourcen. Ich messe einen Manager an seiner Qualität, wenn er arbeitssichernde Maßnahmen trifft.“
Anton Heinzl, SP-Nationalrat

„Ich sehe das halbvolle Glas. Wir sind mit dem Verhandeln nicht am Ende, wir stellen uns hinter die Eisenbahner. Die dürfen Managerfehler nicht ausbaden müssen.“  Derselbe

„Leider bestätigt sich der Eindruck, dass das Spitzenmanagement der ÖBB an einem planlosen Arbeitsplatz-Reduktionsprogramm arbeitet - und zwar um Kosten ebenso planlos vermeintlich zu senken. Dabei wird außer Acht gelassen, dass Fixkosten wie unkündbare Mitarbeiter und beim Anlagevermögen, weiterhin bestehen bleiben.“  Derselbe

„Wenn es nun zu Umstrukturierungen kommen muss, so fordere ich erstens, dass möglichst viele der Arbeitsplätze im TS-Zentrum erhalten bleiben und zweitens, dass bei den ÖBB neue Geschäftsfelder erschlossen und diese Bereiche nach St. Pölten verlegt werden. Bei den neuen Lehrberufen ist das ja auch gelungen.“ Matthias Stadler
SP-Bürgermeister

„Für jeden einzelnen Mitarbeiter wird die bestmögliche und sozial verträglichste Lösung gesucht. Einem möglichen Wechsel an einen anderen Standort liegt eine Analyse hinsichtlich geografischer Aspekte zu Grunde.“
Christopher Seif, ÖBB-Sprecher

„Generaldirektor Kern rühmte sich erst kürzlich der tollen Entwicklung der Lehrwerkstätte hier in St. Pölten. Mir kann aber keiner erklären, dass er nicht gewusst hat, dass nebenbei Hunderte Posten abgebaut werden. So eine Geschäftsentscheidung fällt nicht innerhalb von drei Wochen. Wo werden die Lehrlinge künftig ihre Praxisausbildung machen?“
Hans Rankl, SP-Stadtrat

„Unter dem Schlagwort Restrukturierung verstecken die ÖBB-Granden ihr ziel- und planloses Arbeitsplatzvernichtungsprogramm in Österreich und verlagern Hunderte Arbeitsplätze in Richtung Osteuropa. 430 Menschen und deren Familien, die meisten von ihnen pendeln aus strukturschwachen Regionen zur Arbeit nach St. Pölten, werden zu Weihnachten nicht mehr wissen, wie es mit ihnen weitergeht.“
Erich Königsberger FP-Landtagsabgeordneter