St. Pölten

Erstellt am 19. Januar 2017, 16:07

von Daniel Lohninger

Dietmar Fahrafellner: „Man ruft 122 und Hilfe ist da“ . Dietmar Fahrafellner über die Selbstverständlichkeit des Feuerwehrwesens und dessen Zukunft.

Stadtfeuerwehr-Kommandant Dietmar Fahrafellner (rechts) imGespräch mit NÖN-Zweigstellenleiter Daniel Lohninger: „Was sich in den 150 Jahren auch nicht geändert hat, ist die Beliebtheit der Freiwilligen Feuerwehr.“  |  NOEN, Nadja Straubinger

Vor 150 Jahren wurde die St. Pöltner Stadt-Feuerwehr gegründet. Aus diesem Anlass sprach Kommandant Dietmar Fahrafellner mit der NÖN über die Anfänge der Feuerwehr sowie die aktuellen Herausforderungen in einer wachsenden Stadt.

NÖN: Als 1867 die Feuerwehr gegründet wurde, hatte St. Pölten nicht einmal 13.000 Einwohner. Jetzt sind es fast 60.000. Was ist heute noch, wie es damals war?

Dietmar Fahrafellner: Was sich nicht geändert hat, ist die ungebrochene Einsatzfreude der vielen freiwilligen Feuerwehrleute. Die gibt es noch immer, so wie vor 150 Jahren. Was sich in den 150 Jahren auch nicht geändert hat, ist die Beliebtheit der Freiwilligen Feuerwehr. Darauf können unsere Mitglieder sehr stolz sein. Unsere hohen Beliebtheitswerte kommen ja nicht von ungefähr. Trotzdem wird es immer schwieriger, interessierten Nachwuchs – egal welchen Alters – zu rekrutieren. Vor allem im städtischen Bereich.

In Landgemeinden ist es vermutlich leichter, neue Mitglieder für das Feuerwehrwesen zu begeistern als in der Stadt.

Im ländlichen Bereich ist es sicher einfacher. Dort kennt in den meisten Fällen einer den anderen und oft ist man familiär vorbelastet. Sprich, irgendjemand aus dem engeren Umfeld ist bereits Mitglied bei einer Freiwilligen Feuerwehr. Wenn jemand auf dem Land der Feuerwehr beitritt, folgen oft gleich mehrere aus dessen Freundeskreis. In der Stadt leben die Menschen meist in der Anonymität, man kennt den Nachbarn oft gar nicht mehr.

Deshalb haben wir in Zusammenarbeit mit dem Land das großartige Projekt „Gemeinsam.Sicher.Feuerwehr“ in den dritten und vierten Klassen der Volksschulen ausgerollt. Da erfahren die Kinder alles zum Thema Brandschutz und auch viel darüber, wie die Feuerwehr organisiert ist und was sie täglich tut.

„In Zeiten von steigendem Egoismus wird es schwieriger, junge Menschen für uns zu gewinnen.“

Dietmar Fahrafellner

Wie haben sich die Anforderungen an die Feuerwehr in diesen 150 Jahren geändert?

Die Einsätze sind wesentlich komplexer geworden. Denken wir nur an die vielen Unfälle mit Schadstoffen auf Straße oder Schiene. Das heißt, dass wir uns in vielen Bereichen spezialisieren müssen.

Und das verlangt unseren Mitgliedern viel Zeit und Engagement ab. Zugleich ist es so, dass Menschen in unserem Land, wenn sie in Not sind und keinen Rat mehr wissen, eben die Feuerwehr anrufen. Einerseits ist das ein Zeichen von besonderem Vertrauen in unsere Kompetenz, andererseits haben wir manchmal aber auch das Gefühl, selbstverständlich geworden zu sein. Man wählt 122 und verlässt sich darauf, dass innerhalb weniger Minuten Hilfe naht.

Berufsfeuerwehr ist nicht finanzierbar

St. Pölten wächst – alleine die Stadt-Feuerwehr hat drei Einsätze pro Tag. Stellt sich die Frage, ob St. Pölten auf eine Berufsfeuerwehr umstellen sollte?

Eine Berufsfeuerwehr ist nicht finanzierbar. Eine Freiwillige Feuerwehr kostet einen Bruchteil – weil wir Spenden sammeln, Feste organisieren und auch beim Bau von neuen Feuerwehrhäusern selbst Hand anlegen. Wer macht das sonst noch? Wir ersparen den Gemeinden und somit dem Steuerzahler durch unsere Eigeninitiative sehr viel Geld.

In welchen Bereichen muss in absehbarer Zeit investiert werden?

Man muss ständig investieren – die Technik auf dem neuesten Stand halten, das Feuerwehrhaus modernisieren, und, was wohl am wichtigsten ist, kontinuierlich viel Geld in die Schutzausrüstung stecken. Die Gesundheit unserer Mitglieder hat oberste Priorität. In St. Pölten, mit Bürgermeister Matthias Stadler an der Spitze, haben wir zum Glück sehr enge Verbündete, die das Feuerwehrwesen immer unterstützen.

Was waren die Schwerpunkte im abgelaufenen Jahr?

Der Bau der Katastrophenschutzhalle sowie der Beginn der Sanierung der Feuerwehrzentrale. Da wir immer öfter von Unwettern getroffen werden, wurde es notwendig, Geräte zur Bekämpfung derartiger Naturgewalten zentral zu lagern. Dieser große logistische Vorteil ermöglicht einen noch rascheren Einsatz. Weil die Einsatzzentrale in die Jahre gekommen ist, haben wir im Vorjahr die Generalsanierung in Angriff genommen. Durch den neuen Vollwärmeschutz senken wir die Heizkosten erheblich.

Was ist im Jubiläumsjahr geplant?

Neben dem großen Festakt am 9. September werden die Landesleistungsbewerbe von 30. Juni bis 2. Juli viele Menschen in die NV-Arena locken – wir rechnen mit bis zu 30.000 Gästen. Die Bewerbe zeigen zwar nur ein kleines Spektrum unseres vielfältigen Aufgabenbereichs, dennoch sind sie ein eindrucksvoller Beweis für die Schlagkraft der Feuerwehren.

Wie wird die Feuerwehr beim 200-Jahr-Jubiläum aussehen?

Mein Wunsch wäre, dass das freiwillige Feuerwehrwesen auch die nächsten Jahrzehnte unbeschadet übersteht. Die gelebte Nachbarschaftshilfe prägt unsere Gesellschaft und hat sie zu dem gemacht, was sie heute ist – eine Solidargemeinschaft. Um dieses System langfristig zu erhalten, sind viele Anstrengungen notwendig. Vor allem bei der Rekrutierung von Nachwuchs. Denn in Zeiten von steigendem Egoismus wird es immer schwieriger, junge Menschen für uns zu gewinnen.