Wut-Video aus HTL St. Pölten zeigt aktuelle Frustration. Die gegenwärtige Situation fordert Lehrern und Schülern viel ab. Das belegt eine Aufnahme von der HTL St. Pölten.

Von Caroline Böhm. Erstellt am 25. November 2020 (04:25)
HTL-Direktor Martin Pfeffel verteidigt seinen Lehrer.
: Röhrer

„Mich schaltet keiner stumm!“, schreit der Lehrer der HTL St. Pölten aufgebracht, gefolgt von einem Wutanfall und einer Beschimpfung der Störenfriede. Ein Schüler zeichnete diesen Ausraster auf – und bald schon zog er im Internet und in den Medien weite Kreise.

„Unser hoher Anspruch erzeugt natürlich Druck bei Schülern und Lehrern“

HTL-Direktor Martin Pfeffel verteidigt seinen Lehrer: Die Reaktion resultiere nicht nur aus der Provokation der Schüler, sondern auch aus der Belastung durch Distance Learning. Er ist stolz auf dessen Umsetzung an seiner Schule und gibt selbstkritisch zu bedenken: „Unser hoher Anspruch erzeugt natürlich Druck bei Schülern und Lehrern.“ Insbesondere engagierte Lehrer seien am Limit. Ein Vorfall wie dieser hätte in jeder Schule passieren können, ist Pfeffel überzeugt.

Tatsächlich erfordert Distance Learning eine vollkommen neue Definition des Lernens, bestätigt Andrea Richter, Leiterin der Abteilung Schulpsychologie in der Bildungsdirektion NÖ. „Lehrkräfte sind emotional überfordert. Durch Weiterbildungen hätten sie mehr Selbstbewusstsein“, empfiehlt AHS-Landesschulsprecherin Alexandra Bosek. Eine weitere Lösung wäre ihrer Meinung nach, die technischen Möglichkeiten von Schülern einzuschränken.

Für Pfeffel ist das allerdings keine Option. Der Zugang der HTL sei bewusst offen, um Interaktion zu fördern. Stattdessen schlägt er Lehrern vor, sich zusätzliche Pausen zum Luftholen zu nehmen und die Ansprüche zu minimieren. Gleichzeitig lässt sich das Stummschalten auch für den Frustabbau nutzen. „Wenn man schimpfen möchte, kann man das eigene Mikrofon ausschalten“, erinnert Richter an die Vorteile der Technik. Grundsätzlich rät die Schulpsychologin allerdings zur Vorsicht, weil die Kamera mitläuft und es Publikum gibt.

Schüler unterschätzen Tragweite ihrer Aktionen

Auch Jugendliche suchen nach Wegen, ihrer Frustration Luft zu machen. Kein lautes Seufzen, kein kurzes Zwiegespräch – laut Richter fallen solche Möglichkeiten im Distance Learning weg. Zudem fehle Jugendlichen das Bewusstsein für die Öffentlichkeit ihrer Handlungen. „Sie finden manches im ersten Moment lustig, was später nicht mehr lustig ist. Und sie können es dann nicht mehr zurücknehmen“, berichtet sie. Das kann rechtliche Konsequenzen haben, weil das Veröffentlichen solcher Videos Persönlichkeitsrechte verletzt. Darüber hinaus zähle die Mitarbeit aktuell besonders viel, ruft Bosek in Erinnerung. Störaktionen würden sich daher negativ auf Noten auswirken. Sie fordert gegenseitiges Feedback zur Fernlehre, um Konflikte zu vermeiden.

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