Erste Kirche Niederösterreichs stand in St. Pölten. Die archäologischen Ausgrabungen als Voraussetzung für die Neugestaltung des St. Pöltner Domplatzes bringen auch in der vierten Grabungssaison 2013 eine ganze Reihe bedeutender Erkenntnisse über das Leben im Mittelalter.

Erstellt am 07. August 2013 (17:19)
Stadtarchäologe Dr. Ronald Risy und Bürgermeister Mag. Matthias Stadler zogen heute eine überaus positive Zwischenbilanz der archäologischen Grabungen für das Jahr 2013. Foto: mss/Vorlaufer
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Bürgermeister Mag. Matthias Stadler und Stadtarchäologe Dr. Ronald Risy zogen am Mittwoch eine überaus positive erste Zwischenbilanz über die Grabungssaison 2013: Es gibt einen ganze Reihe neuer Einblicke in das Leben unserer Vorfahren. Weniger spektakulär aber dafür umso effektiver und wichtiger werden parallel zu den Grabungsarbeiten die bautechnischen Grundlagen als Grundlage für die Neugestaltung des Domplatzes erhoben.

Archäologische Grabungen im Zeitplan

„Die Ausgrabungsarbeiten laufen heuer unter besonders schwierigen Witterungs-Bedingungen: Im April und Mai erschwerten starke Regenfälle und Kälte die Arbeiten und in den letzten Wochen setzte die Wüstenhitze den Wissenschaftlern und ihren Mitarbeitern enorm zu. Trotzdem liegen wir mit den am 8. April begonnenen archäologischen Grabungen im Zeitplan“, lobt Bürgermeister Mag. Matthias Stadler das Grabungsteam für die zügige Arbeit und berichtet weiter: „Die Arbeiten an der Nordwest-Seite des Domplatzes werden bis Ende August/Anfang September abgeschlossen sein. Danach beginnen die Grabungen am südlichen Domplatz vor dem Palais Wellenstein.“
 
Die Leistungen können sich sehen lassen, denn trotz der extremen Witterungsbedingungen wurden im April 128 Tonnen, im Mai 158 Tonnen und im Juni 121 Tonnen Aushubmaterial händisch abgegraben. Damit konnte erneut eine deutliche Steigerung gegenüber den letzten Jahren erzielt werden.

Der St. Pöltner Domplatz ist aktuell eine der bedeutendsten und größten archäologischen Fundstätten Österreichs. Im Durchschnitt arbeiten täglich rund 25 MitarbeiterInnen daran, die gesetzliche aufgetragene Grundlagenforschung durchzuführen und den Untergrund für die Neugestaltung des mit 5.700 m2 zweitgrößten Platzes der Landeshauptstadt aufzubereiten. Zusätzlich arbeitet ein Mal pro Woche ein Anthropologe auf der Grabungsstelle.

Grundlagen erarbeitet

Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse aus den archäologischen Grabungen können nun die ersten Fakten ermittelt werden, die für das Wiener Architekturbüro Jabornegg & Pálffy das im Februar 2011 in einem Planer-Findungsverfahren ausgewählt wurde, als Grundlage für die Neuplanung des Domplatzes als multifunktionaler Platz dienen. Derzeit wird z.B. festgelegt, welches Höhenniveau der Platz künftig haben wird.

Es ist davon auszugehen, dass die neue Domplatz-Oberfläche ein merklich höheres Niveau aufweisen wird als der derzeitige Platz. Zudem ist nun festgelegt in welchen Bereichen die Einbauten (Kanal, Wasser, Strom, Gas Telefon und EDV-Leitungen) liegen werden. Die Leitungen werden ringförmig um den Platz gezogen.

Der weitere Zeitplan:

„Noch im Herbst soll ein Plan für den „Domplatz neu“ vorliegen. Zuvor wollen wir noch das Partizipationsverfahren abschließen, wobei wir mit einem entsprechenden Engagement der Partner rechnen“, gibt Stadler den ambitionierten Zeitplan vor.
 
Unter Einbeziehung von möglichen „Überraschungen“ im Boden des Domplatzes werden die archäologischen Grabungen voraussichtlich noch bis 2015 dauern, um die gesetzlichen Auflagen nach dem Denkmalschutzgesetzt zu erfüllen.

Bis dorthin sollen auch die Detailplanung und die politische Diskussion für die Neugestaltung abgeschlossen sein. Erste Bauarbeiten sind mit Ende 2014 bzw. Anfang 2015 geplant. Die Fertigstellung ist bis 2016 vorgesehen.

Lesen Sie weiter: Neue archäologische Erkenntnisse durch die Grabungen



Neue archäologische Erkenntnisse

Bei dem römischen Badegebäude des 4. Jahrhunderts n. Chr. mit seinem im ganzen römischen Reich singulären Grundriss und dessen partielle Nachnutzung als christliche Kirche im 9. Jahrhundert konnten weit über die Grenzen der Stadt St. Pölten hinaus bedeutende Entdeckungen gemacht werden. Bei der erwähnten Kirche handelt es sich um eine der ältesten, wenn nicht sogar um die derzeit älteste bekannte Kirche Niederösterreichs.
 
„Wir haben mit dieser Kirche sinnbildlich gesprochen den Geburtsort des heutigen St. Pöltens und mit den frühesten Gräbern Bestattungen der ersten St. PöltnerInnen vor uns“, weiß Stadtarchäologe Dr. Ronald Risy.
 
Die vorläufigen Ergebnisse des Jahres 2013:
  1. Das aufgedeckte Badegebäude ist aufgrund seiner Größe für eine öffentliche städtische Therme (nicht zu verwechseln mit unserem heutigen Begriff eines Thermalbades!) zu klein, für eine private Therme hingegen außergewöhnlich. Deshalb wurde dieses außergewöhnliche Bad als Teil einer palastartigen Anlage interpretiert, die ein ranghoher Reichsbeamter als Wohn- und Amtssitz innehatte. Heuer wurden nun Teile eines weiteren spätantiken Gebäudes angeschnitten, das wiederum zum Teil aus runden Mauern besteht. Dabei könnte es sich um Reste des vermuteten „Palastes“ handeln, der sich weiter nach Süden erstreckt.
  2. Der Grundriss der romanischen Kirche konnte vervollständigt werden. Dabei zeigte sich, dass das Langhaus bereits dieselbe Längenerstreckung wie die gotische aufwies. Möglicherweise befand sich im Westen eine große Vorhalle, die mit Sitzbänken ausgestattet war.
  3. Die gotische Kirche besaß im Westen eine Empore, die nachträglich eingebaut worden war. An den Pfeilern sind noch Reste von Rundstäben erkennbar, die eine Rekonstruktion der aufgehenden Architektur ermöglichen.
  4. Im Zuge der Errichtung des Sparkassengebäudes in den Jahren 1883-1886 wurden zwei große Kalkbecken in den Boden eingetieft. Da dadurch die ehemalige Kirchenmauer abgetragen wurden, können keine Aussagen mehr über die Portallösung der romanischen und gotischen Kirche getroffen werden.
Das bisherige Fundmaterial aus dem Jahre 2013 füllt derzeit 26 Bananenkartons, die schätzungsweise mehr als 5.200 Einzelstücke beinhalten. Zusätzlich kamen 611 Kleinfunde sowie 176 Münzen zum Vorschein.
 
Die Zahl der bisher geborgenen menschlichen Überreste liegt derzeit bei 3.926 Individuen (2013: 439), die fast alle bereits anthropologisch untersucht sind. Dabei konnten zahlreiche Einzelschicksale erfasst, aber auch medizinisch-historische Ergebnisse erzielt werden, über die gesondert im Rahmen einer weiteren Informationsveranstaltung mit Schwerpunkt Anthropologie berichtet werden wird.
 
Die nächste Führung findet am Freitag, dem 23. August, um 13 Uhr statt.