Mit Jubel in den Untergang. Euphorisch ging es vor 100 Jahren von St. Pölten an die Front. 2.000 Soldaten kamen nicht zurück.

Von Daniel Lohninger. Erstellt am 27. Juli 2014 (07:01)
NOEN, Stadtarchiv St. Pölten
Am Rathausplatz wurden die Soldaten nach einer Feldmesse in den Krieg geschickt - im Bild einer Feier aus dem Jahr 1915. Insgesamt waren mehr als 10.000 Soldaten in St. Pölten stationiert. Fotos: Stadtarchiv St. Pölten
14. Mai 1917 – drei österreichische Kreuzer wollen die Otranto-Sperre im Mittelmeer durchbrechen. Sie versenken vier alliierte Boote – mit Torpedos aus St. Pölten.

Whitehead-Fabrik als ständiger Unruhe-Herd

Der Erste Weltkrieg war zu diesem Zeitpunkt bereits fast drei Jahre in Gang, ein Ende des verlustreichen Krieges nicht in Sicht – von der Hurra-Stimmung, die die Kriegs-Erklärung am 28. Juli 1914 begleitete, keine Spur mehr. Statt „Serbien muss sterbien!“-Rufen bei den Verabschiedungen der ersten Soldaten am Rathausplatz hielten nun Hunger, soziale Unruhen und hunderte Todesopfer die Traisen-Metropole in Atem.

NOEN, Stadtarchiv St. Pölten
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Ein ständiger Unruhe-Herd war just die Whitehead-Fabrik, in der Torpedos für die k. u. k.-Marine produziert wurden. Sie wurde nach dem Kriegseintritt Italiens eilig von Fiume (heute Rijeka) auf das Glanzstoff-Areal nach St. Pölten übersiedelt – aus Sorge, dass die Fabrik den Italienern in die Hände fallen könnte.

Mit nach St. Pölten übersiedelt wurden auch die 800 italienischen Mitarbeiter, die mit zunehmender Kriegsdauer immer öfter in den Streik traten. Nach dem Krieg wurde die Torpedo-Fabrik als Maschinenfabrik und Gießerei weitergeführt, ehe das Areal 1925 nach der Insolvenz des Nachfolge-Betriebes wieder in die Glanzstoff integriert wurde.

Josefskirche in Gedenken an Gefallene errichtet

Insgesamt, so hält der Historiker Siegfried Nasko fest, habe anfangs auch in St. Pölten eine enorme Kriegs-Euphorie geherrscht: „Alle dachten damals, dass der Krieg nur ein paar Tage dauern werde.“ In den Tagen nach der Kriegs-Erklärung wurde ein Großteil der rund 10.000 Soldaten, die in den fünf Kasernen in St. Pölten stationiert waren, am Bahnhof in den Krieg verabschiedet.

Als am 3. September der erste Verwundeten-Zug in St. Pölten ankam, bekam die Euphorie einen deutlichen Dämpfer: 516 teilweise schwer verletzte Kriegsopfer waren an Bord. Unter ihnen auch Dr. Rudolf Mrazek, der im Truppen-Spital wenige Tage später starb und damit als erstes St. Pöltner Kriegsopfer in die Geschichte einging. Bis Kriegsende sollte sich die Anzahl der gefallenen St. Pöltner auf etwa 2.000 erhöhen. Im Gedenken an sie wurde nach dem Krieg die Kirche St. Josef, die am 6. Oktober 1929 benediziert wurde, errichtet.

Kriegsbeginn: Aufschwung, aber extreme Bedingungen

Wirtschaftlich brachten vor allem die ersten Kriegs-Monate einen Aufschwung. Die „kriegswichtige Industrie“, in der viele der etwa 9.000 St. Pöltner Arbeiter beschäftigt waren, hatte volle Auftragsbücher. Allerdings: Die Mitarbeiter der Betriebe unterstanden ab Kriegsbeginn der Militärgerichtsbarkeit.

Die Bedingungen, unter denen die Arbeiter und – im Kriegs-Verlauf immer häufiger – Arbeiterinnen eingesetzt wurden, waren extrem. In allen Betrieben herrschte Debattier-Verbot, zehn Arbeitsstunden pro Tag an sechs Tagen die Woche waren Normalität, Nachtarbeit selbst für Kinder auch. Gab‘s mal ein Unglück, dann hatten die Arbeiter von der Militärführung nicht viel zu erwarten.

So geschehen beispielsweise in der Papierfabrik Elbemühl, wo sich 1917 eine 13-Jährige bei einer Querschneidemaschine die Finger abtrennte. Nasko: „Die Mutter, die wegen einer Entschädigung bei der Betriebsleitung vorsprach, wurde beschimpft und rausgeschmissen.“ Entschädigung gab‘s keine, der Job der Tochter war obendrein auch weg.

Jänner 1918: Alle 9.000 Arbeiter treten in Streik

Trotz schwerer Arbeit hatten die St. Pöltner spätestens ab 1916 immer weniger zu essen. Besonders schlimm wurde es im Herbst 1917 – die Demonstrationen häuften sich. Im November 1917 fand die erste Friedensversammlung in der Stadt statt. Trotz behördlichen Teilnahme-Verbotes marschierten mehr als 6.000 Arbeiter durch die Innenstadt. Die Versorgungs-Situation besserte sich nicht und so legten alle Arbeiter in den Zentren der Monarchie am 18. Jänner 1918 ihre Arbeit nieder.

Neben Wiener Neustadt war St. Pölten das Streik-Zentrum in Niederösterreich. Auch im Kriegsgefangenenlager in Spratzern gab es Aufstände. Ziel der Aufständischen und Streikenden war eine Besserung der sozialen Lage. Die sahen die St. Pöltner dann in Griffweite, als am 30. Oktober 1918 am Rathausplatz die Republik Deutschösterreich ausgerufen wurde. Bis zu Gründung der neuen Republik sollten aber noch zwei Wochen vergehen.

Soldatenräte übernahmen in St. Pölten die Macht. „Sie hatten zuerst einmal alle Hände voll zu tun, in der Stadt stabile Verhältnisse zu schaffen und die größte soziale Not zu lindern“, so Stadt-Historiker Thomas Lösch.

Am 23. November 1918 kehrte schließlich Julius Raab mit seiner Sappeur-Kompanie in die Stadt zurück. In seiner Truppe, die im Bauhof Wohlmeyer abrüstete, fanden sich Soldaten aller Monarchie-Nationalitäten – auch jener, die bereits seit Wochen ihren eigenen Staat hatten. Als Staatsvertrags-Kanzler geht Raab später in die Geschichte ein – nach dem Zweiten Weltkrieg.

Lesen Sie mehr auf Seite 2: Ausstellungen und Chronologie zum Thema

Ausstellungen & Gottesdienst

  • St. Pöltner-Tag auf der Schallaburg: Die Ausstellung „Jubel & Elend“ zum Ersten Weltkrieg auf der Schallaburg steht am Freitag, 25. Juli, ganz im Zeichen von St. Pölten. Statt der üblichen 10 Euro kostet der Eintritt für St. Pöltner an diesem Tag nur einen Euro. Karten gibt es im St. Pöltner Tourismusbüro unter Tel. 02742/353354 (E-Mail: tourismus@st-poelten.gv.at). Es gibt auch einen eigenen Shuttle-Bus (Abfahrt ist um 14 Uhr beim Gesundheitsamt).

  • Weltkriegs-Ausstellung in Gloggnitz: Unter dem Motto „Hoppla, wir leben“ hat Siegfried Nasko im Karl-Renner-Museum eine Ausstellung gestaltet – zu sehen bis 8. Dezember. Info: www.renner-museum.at

  • Gedenkmesse und Friedensgebet: In der Josefskirche, die 1929 als Kriegergedächtniskirche benediziert wurde, steht der Vorabend des 100. Jahrestages des Ersten Weltkrieges ganz im Zeichen des Gedenkens. Am Sonntag, 27. Juli, findet um 10 Uhr die Heilige Messe für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges statt, um 17 Uhr gibt es eine Friedensandacht.

Die Chronologie

28. Juni 1914: Das Thronfolger-Ehepaar wird ermordet – die St. Pöltner Zeitung druckt umgehend eine Sonder-Ausgabe.

30. Juni 1914: Kaiser Franz Joseph hält auf seinem Weg nach Ischl am Bahnhof in St. Pölten.

4. Juli 1914: Der Trauerzug mit den Leichen des ermordeten Thronfolger-Ehepaars trifft am Bahnhof ein. Alle Kirchenglocken in der Stadt läuten.

28. Juli 1914: Die Kriegserklärung wird an der Bezirkshauptmannschaft affichiert, tausende St. Pöltner sind bei patriotischen Kundgebungen auf den Beinen.

29. Juli 1914: Die ersten Soldaten werden unter dem Jubel der St. Pöltner am Rathausplatz in den Krieg verabschiedet.

14. September 1914: Dr. Rudolf Mrazek erliegt im Militärspital seinen Kriegsverletzungen. Er ist das erste St. Pöltner Opfer.

25. Mai 1915: Die Torpedofabrik Whitehead & Co. wird nach St. Pölten verlegt.

Anfang 1916: Erste große Lebensmittel-Knappheit in der Stadt.

18. April 1917: Kaiser Karl I. inspiziert die Truppen (Foto Seite 52).

18. November 1917: Friedensversammlungen von mehr als 6.000 Arbeitern trotz Verbots.

14. bis 22. Jänner 1918: Die knapp 9.000 St. Pöltner Arbeiter legen begleitet von unzähligen Demonstrationen ihre Arbeit nieder.

Mai/Juni 1918: Neuerliche Groß-Streiks bei Whitehead und Voith.

30. Oktober 1918: Die Republik Deutschösterreich wird am Rathausplatz ausgerufen – erstmals außerhalb von Wien.

11. November 1918: Der Waffenstillstand von Compiègne beendet den Ersten Weltkrieg.

12. November 1918: Die Erste Republik wird gegründet.