Kdolsky zu Corona-Maßnahmen: „Hätte früher geöffnet“. Andrea Kdolsky hatte als Gesundheitsministerin in der Regierung Gusenbauer mit der Vogelgrippe zu tun. Die Corona-Maßnahmen hätte sie etwas eher gelockert.

Von Martin Gruber-Dorninger. Erstellt am 13. Mai 2020 (14:52)
Andrea Kdolsky. Foto: FH St. Pölten/Mark Hammer
FH St. Pölten/Mark Hammer

Fast zwei Jahre lang saß die Purkersdorferin Andrea Kdolsky als Gesundheitsministerin auf der Regierungsbank. Seit Ende des vergangenen Jahres ist sie Leiterin des Departments Gesundheit an der Fachhochschule St. Pölten. Mit der NÖN spricht sie über die Corona-Maßnahmen der aktuellen Bundesregierung und über eine mögliche Impfpflicht.

NÖN: Waren Sie in Ihrer Amtszeit als Ministerin auf Epidemien vorbereitet?

Andrea Kdolsky: Ja, natürlich. Ich hatte noch mit den Ausläufern der Vogelgrippe zu tun. Da wurden Katastrophenpläne erstellt und auch die WHO hat Epidemiepläne entwickelt.

Was sahen die Pläne vor?

Diese wurden und werden immer an neue Situationen angepasst. Der damalige Pandemieplan sah beispielsweise vor, dass jedem Staatsbürger eine Mund-Nasen-Maske zur Verfügung stehen muss, Medikamente auf Lager gelegt und Schlüsselpersonen definiert werden. Eigentlich müsste man sich bei meiner Vorgängerin Maria Rauch-Kallat entschuldigen. Sie wurde damals stark dafür kritisiert, acht Millionen Masken angekauft zu haben. 13 Jahre später regen sich alle auf, weil keine Masken da sind. Wir lernen heute sicher alle aus dieser neuen Pandemie.

 „Er hat immer versucht, sehr zusammenführend zu sein, und er lässt die Meinung von Beratern zu.“Über ihren Nachfolger Rudolf Anschober

Wie beurteilen Sie die Arbeit Ihres Nachfolgers Rudolf Anschober?

Ich kenne ihn schon lange. Er ist ein hochkompetenter Politiker, der gerade vom Sozial- und Gesundheitsbereich eine Ahnung hat. Er hat immer versucht, sehr zusammenführend zu sein, und er lässt die Meinung von Beratern zu.

Wie schätzen Sie den gesamten Auftritt der Regierung ein?

Durchwachsen. Am Anfang sehr gut. Der rasche Lock-in war der richtige Weg. Als dann aber ab der dritten Woche die Zahlen stagnierten, wäre es besser gewesen die Maßnahmen etwas eher zu lockern und früher zu öffnen. Im Nachhinein ist man aber immer gescheiter.

Wird es eine zweite Welle geben?

Wir tappen da noch im Dunkeln. Ich gehe eher davon aus, dass es sich, ähnlich wie das Grippevirus, in einen Rhythmus einpendelt. Man kann dann weniger von einer zweiten Welle sprechen. So wie es saisonal einen Anstieg bei Influenza gibt, wird es auch einen bei Covid-19 geben.

Wird es eine Impfung geben?

Sechs internationale Gruppen haben für klinische Studien eingereicht. Wir können davon ausgehen, dass man im Frühjahr 2021 ein Mittel haben wird.

Soll es eine Impfpflicht geben?

Als ich in Italien gearbeitet habe, wurde gegen Masern eine Impfpflicht eingeführt. In diesem Fall war ich dafür. Masern sind sehr ansteckend. Da geht es darum, dass ich auch andere Menschen gefährde. Ich bin sehr für die Selbstbestimmung und Freiheit. Die Freiheit des Einzelnen hört aber dort auf, wo es für den Nächsten zur Gefahr wird.

„Am Anfang war das richtig schwer. Ich bin eher so ein Bussi-Bussi-Mensch.“

Wie viel Abstand halten Sie derzeit zu Ihren Mitmenschen?

Am Anfang war das richtig schwer. Ich bin eher so ein Bussi-Bussi-Mensch. Mittlerweile geht es gut und ich finde den Abstand gar nicht so unangenehm.

Werden Sie am 15. Mai ins Wirtshaus gehen?

Das muss ich fast. Ich bin mit den Besitzern des Purkersdorfer Shakespeare Pubs befreundet.

Wie gefällt Ihnen Ihre neue Aufgabe an der FH St. Pölten?

Das ist sehr erfüllend. Ich habe im November begonnen, und bin dabei gleich in die ganz große Herausforderung der Covid-19-Situation hineingeschlittert, die eine Umstellung der Lehre auf Fernlehre bedeutet hat.