Veränderungen nach 100 Jahren: St. Pöltner Zeitzeugin im Gespräch

Die hundertjährige St. Pöltnerin Frieda Frühauf gibt Einblicke in ihr Leben und die Stadtentwicklung.

Erstellt am 05. Januar 2022 | 06:07
Lesezeit: 4 Min
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Frieda Frühauf feierte im November ihren 100. Geburtstag. Zum Jubiläumsjahr 2022 erzählt sie über ihr Leben und hundert Jahre Stadtgeschichte.
Foto: Lukas Kalteis

Frieda Frühauf erblickte im November 1921 und damit zwei Monate vor der offiziellen Trennung von Wien und Niederösterreich in ihrer Herzensstadt das Licht der Welt. Der NÖN gab sie zu diesem Jubiläum Einblicke in ihr bewegtes Leben und in die Veränderung der Stadt, in der sie bisher ein Jahrhundert verbrachte.

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Zu ihrem Hunderter wünschte sie sich nichts sehnlicher als eine Sightseeingtour durch ihre Heimatstadt.

„St. Pölten hat sich wahnsinnig verändert! Dennoch gefällt mir die Stadt nach wie vor sehr gut.“

„St. Pölten hat sich wahnsinnig verändert! Nachdem ich schon acht Jahre im Seniorenwohnheim Stadtwald bin, hätte ich meine Stadt kaum mehr wiedererkannt. Die Häuser werden immer mehr und immer höher. Als ich ein Kind war, war die Stadt am Ende der Maximilianstraße aus. Dennoch gefällt sie mir nach wie vor sehr gut“, zeigt sich Frieda Frühauf noch immer begeistert.

Ihre Kindheit in der Zwischenkriegszeit verbrachte sie in der Kranzbichlerstraße, wo sie täglich mit Freunden im Hof spielte.

„Meine frühen Erinnerungen sind alle recht positiv. Meine Mutter war sehr geschickt, hat alles selbst gemacht und geschaut, dass wir Kinder genug zum Essen und Anziehen hatten. Die große Not, die damals herrschte, habe ich daher gar nicht so mitbekommen“, schildert die St. Pöltnerin.

Mit dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland 1938 zogen dunkelschwarze Wolken über dem Land auf, während sie noch die Haushaltsschule in Hochstraß besuchte.

Mit Kriegsbeginn wurde ihre große Liebe Leopold eingezogen und musste an die Front nach Sewastopol. Damit begann die schwerste und unsicherste Zeit ihres Lebens und sie zog wieder zu ihrer Mutter und Schwester, um nicht alleine zu sein.

Furcht und Chaos regierten in der Stadt

In den letzten Kriegstagen und der Zeit der russischen Besatzung regierten die Furcht und das Chaos in der Stadt.

„Ich weiß noch gut, wie wir uns im Keller versteckt haben, die Soldaten aber mit ihren Gewehrkolben an die schwere Eisentür hämmerten und uns aufforderten aufzusperren. Die Innenstadt rund um den Bahnhof war komplett zerbombt. Ich blieb fast durchgehend in der Wohnung und war kaum in der Innenstadt, so groß war unsere Angst“, blickt Frieda Frühauf besorgt zurück.

Passiert ist ihr zum Glück nichts, nur einmal musste sie mit den Soldaten mitgehen und Steine für den Wiederaufbau der zerstörten Traisenbrücke schleppen.

„Vergewaltigungen waren beinahe an der Tagesordnung. Ich weiß noch gut, wie die betroffenen St. Pöltnerinnen später dazu aufgerufen wurden, eine Anzeige am Domplatz zu machen. Und der Platz war gesteckt voll! Da hab ich wirklich Glück gehabt“, erzählt die alte Dame mit gesenktem Blick.

Hochzeit in Weiß und ein Haus im Grünen

Ihr Mann kehrte zwar verändert aus dem Krieg heim, dennoch begann in den Trümmern der Stadt langsam der schönste Abschnitt ihres langen Lebens. 1947 heiratete Frieda ihren Leopold, mit dem sie sich ihren größten Traum verwirklichte: Ein Haus mit großem Garten in Wagram wurde ihr neues Zuhause.

„Ich wollte zur Hochzeit unbedingt ein weißes Kleid, das allerdings Unsummen an Kleidermarken, die damals nach dem Krieg ausgegeben wurden, kostete. Nach langem Sparen konnte ich mir diesen Wunsch aber tatsächlich erfüllen“, strahlt die Hundertjährige.

Ihre freie Zeit verbrachte Frieda Frühauf meist mit Gartenarbeit, die sie jung und fit hielt. Rasenmähen, Blumengießen und die Pflege der Obstbäume waren ihre Leidenschaft. Nur das Schneiden der Thujen war alleinige Männersache. Eine Leidenschaft des Paares war auch das Tanzen.

„Ich weiß noch gut, wie wir jungen Leute nach dem Krieg unbedingt etwas Unterhaltung haben wollten, aber durch die große Not nicht tanzen gehen konnten. Daher tun mir die heutigen Jugendlichen besonders leid, die durch die Pandemie nur zuhause sitzen müssen“, erzählt Frieda Frühauf aus ihren Erfahrungen.

„Wenn ich heute die Nachrichten höre, wird mir wieder bang. Die Pandemie hat alle fest im Griff und auch der Hass auf Juden geht weiter.“

Heute genießt die rüstige Hundertjährige ihren Lebensabend im Seniorenwohnheim Stadtwald. Vor wenigen Monaten feierte sie ihren runden Geburtstag mit Verwandten und Pflegerinnen.

Da sie ein großer Fan von Krimis und James-Bond-Filmen ist, aber schon schlecht sieht, bekam sie ein „sprechendes Buch“, über das sie sich sehr freute. Außerdem schwang sie mit einem Heimmitarbeiter bei der Feier das Tanzbein und wagte einen gekonnten Schritt.

„Wenn ich heute die Nachrichten höre, wird mir wieder bang. Die Pandemie hat alle fest im Griff und auch der Hass auf Juden geht weiter. Früher gab es auch in St. Pölten einige. Ich erinnere mich noch gut an einen Händler in der Kremser Gasse, das war einer der freundlichsten Menschen, die ich je getroffen habe. Ich wünsche den jungen St. Pöltnern eine schöne Zeit, aber auch noch ein paar grüne Flecken in der Stadt. Die habe ich immer am meisten geschätzt und genossen“, mahnt Frieda Frühauf.

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