Einweisung: Behandlung statt Bestrafung. Ein 28-jähriger Mann mit Asperger-Syndrom kommt in den Maßnahmenvollzug. Er hat seine Frau während schwierigen Phasen seiner Krankheit bedroht und sie verletzt. Er will sicherstellen, dass ihm so etwas nie mehr passiert und ist mit dem Urteil einverstanden.

Von Stefanie Marek. Erstellt am 08. April 2021 (12:29)
Symbolbild
APA (Archiv)

Der Angeklagte wirkt sichtlich bemüht alle Fragen des Gerichts zu beantworten. Höflich und mit großer Offenheit schildert er wie sich seine Verfassung schlagartig ändern kann, wenn er hohem Stress ausgesetzt ist. „Das bin dann nicht mehr ich“, sagt er „Ich bekomme Angst vor mir selbst, wenn mir jemand sagt, was ich in dem Zustand getan habe.“
Er spreche nach solchen Anfällen regelmäßig mit seiner Frau darüber und versuche die Geschehnisse zu verarbeiten. Eine Zeit lang habe er es mit Therapie und Medikamenten versucht, konnte sich aber beides nicht leisten.

Dem Mann wird vorgeworfen, von Herbst 2018 bis Jänner 2021 fortgesetzt Gewalt gegen seine Ehefrau ausgeübt und ihr gedroht zu haben, er werde sie und ihre Tochter „abstechen“ oder „abschlachten“. Bei einem Vorfall im Jänner soll er sie geschlagen und gewürgt haben. Die Frau erlitt Hämatome und Würgemale. Er bekennt sich von Beginn an schuldig muss sich bei der Schilderung der Taten allerdings völlig auf die Aussagen seiner Frau verlassen, sagt er.

Was während seiner Wutausbrüche geschieht, könne er weder kontrollieren noch sich danach an etwas erinnern. Alles was seine Frau über den Tathergang sagt, wird auch so passiert sein. Er sieht keinen Grund, warum sie lügen sollte. „Er will nichts Böses, er kann in diesen Phasen nur nicht anders“, fasst es sein Verteidiger zusammen.
War der Mann zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig oder nicht? Das ist die entscheidende Frage in diesem Prozess und sie ist nicht einfach zu beantworten.

Der Gerichtspsychiater, der Staatsanwalt, der Richter und der Verteidiger diskutieren lange über diesen Punkt. Für den Angeklagten steht viel auf dem Spiel, denn eine Einweisung in eine Anstalt für „geistig abnorme Rechtsbrecher“ ist beantragt. Während der Diskussion beginnt der Angeklagte heftig zu zittern. Der Richter unterbricht die Verhandlung, damit der Mann frische Luft schnappen und sich beruhigen kann.

Psychiater weist auf Unstimmigkeiten hin

Asperger ist laut dem Gerichtspsychiater eine komplexe Form von Autismus und eine Störung der emotionalen Interaktionsfähigkeit. Menschen mit Asperger tun sich schwer damit, mit Menschen umzugehen und Stimmungen anderer richtig einzuordnen. Soziale Interaktion ist sehr belastend. Das Syndrom erklärt laut dem Psychiater das Verhalten des Mannes während der angeklagten Taten. Für ihn ist aber ein Detail entscheidend.

Dass er sich an nichts erinnern kann und die Wahrnehmung seiner Frau zu den Geschehnissen wiedergeben kann, das sagt der Angeklagte vor Gericht zum ersten Mal. Beim Vorgespräch mit dem Gerichtspsychiater habe er ihm die Tathergänge sehr detailliert geschildert, ohne eigene Erinnerung sei das schwer zu glauben, meint der Gutachter. Außerdem seien es komplexe Handlungen gewesen, die der Angeklagte während den Taten ausführte, er sei daher zurechnungsfähig gewesen, wenn auch eingeschränkt.


Zurechnungsfähigkeit führt in den Maßnahmenvollzug

Schlussendlich nimmt der Richter an, dass der Mann während der Taten zwar eingeschränkt zurechnungsfähig aber doch zurechnungsfähig war. Sechs Monate bis fünf Jahre sind der Strafrahmen. Der Richter, der Staatsanwalt und der Verteidiger sind sich einig: Im Vordergrund muss in diesem Fall Behandlung statt Bestrafung stehen.

100 Euro forderte die Frau als symbolisches Schmerzengeld, das bekommt sie vom Richter zugesprochen. Der Angeklagte ist einverstanden mit dem Kontaktverbot. „Ich habe schon genug Schaden angerichtet. Sie sind ohne mich besser dran. Das kann man niemandem zumuten“, sagt er.

Das Urteil lautet schließlich 21 Monate Haft, 15 davon bedingt mit dreijähriger Probezeit und Bewährungshilfe. Das bedeutet sechs Monate Haft. Weil ihn der Richter in eine Anstalt einweist wird der Mann mindestens diese Zeit im Maßnahmenvollzug verbringen, wo er Behandlung für seine Krankheit bekommen soll.

Die Zeit in der Untersuchungshaft war für ihn kaum zu ertragen, die Geräusche und seine Angst vor sozialen Kontakten setzten ihm großem Druck aus. Ob der Maßnahmenvollzug besser für ihn sein wird, ist fraglich. Dieses System hat in Österreich einige Probleme, nicht zuletzt gibt es viel zu wenige Plätze und Ressourcen für die Anzahl an Menschen, die dort untergebracht werden.