Gedenken vor dem NÖN-Büro. Einstige Mieter der Rathausgasse 1 wurden von Nazis ermordet. Nun bekommen sie Steine der Erinnerung.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 16. Juli 2019 (04:13)
NOEN
Das Haus am Rathausplatz an der Ecke zur Rathausgasse bekommt neue Steine der Erinnerung.

An die dunklen Stunden in dem Haus am Rathausplatz, wo sich heute das NÖN-Stadtbüro befindet, erinnern ab Herbst weitere Steine der Erinnerung. Seit der ersten Stein-Setzung für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus haben die Forschungen des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs (Injoest) auch Erkenntnisse zu diesem Gebäude und dessen einstigen Bewohnern gebracht.

NOEN, Steine der Erinnerung
Steine der Erinnerung

Auf einer der goldenen Messingplatten zu lesen sein wird der Name Juliane Steiner. Zu ihrem Schicksal in dem Haus ist einiges bekannt: Die Witwe des St. Pöltner Zahnarztes Victor Steiner lebte hier in einer der Wohnungen.

1938 allerdings musste sie, weil sie Jüdin war, einen Vergleich mit dem Hauseigentümer schließen und ihr Zuhause innerhalb von drei Wochen räumen. Danach ereilte sie ein grausames Schicksal – wie insgesamt über 570 jüdische St. Pöltner.

„Wir werden so lange Steine der Erinnerung setzen, bis alle St. Pöltner Opfer der Shoah einen Stein mit ihrem Namen haben.“ Martha Keil (Injoest

Während Steiners bereits erwachsene Kinder nach Palästina und in die USA fliehen konnten, fand sie selbst bei einer Bekannten Zuflucht. Doch auch dort konnte die St. Pöltnerin nur wenige Monate bleiben, dann wurde sie in das Gebäude der zerstörten Synagoge des Israelitischen Tempelvereins in Wien zwangsübersiedelt.

„Von dort aus wurde Juliane Steiner 1941 mit hunderten anderen Menschen, darunter die St. Pöltner Familien Süß, Weiss, Stern und Kohn, in das unterversorgte Ghetto Opole transportiert“, berichtet Injoest-Leiterin Martha Keil. Überlebt haben die Deportation nach Opole von 2.003 Menschen nur 28. Juliane Steiner war nicht unter ihnen.

Erinnert werden die St. Pöltner am Beginn der Rathausgasse ab Herbst auch an Leopold Gelb sowie Josef, Elisabeth und Lucy Herta Lang, die dort ebenfalls ihr letztes freiwilliges Zuhause hatten. Gelb wurde zuerst nach Wien zwangsübersiedelt und später nach Lodz deportiert, wo er 1941 ums Leben kam. Josef Lang gelang es zu fliehen, seine Frau Elisabeth und die kleine Tochter Lucy Herta wurden nach Theresienstadt deportiert, anschließend nach Auschwitz gebracht und 1944 dort ermordet.

Synagogen-Architekt bekommt Gedenktafel

Zusätzlich zu den Gedenksteinen in der Rathausgasse sollen im Oktober noch neun weitere Opfer der Nationalsozialisten ein solches von den Mitarbeitern der GW gefertigtes Erinnerungszeichen in der Landeshauptstadt bekommen. „Wir haben heuer nicht nur Adressen in der Altstadt, sondern auch hinter dem Bahnhof ausgewählt“, informiert Martha Keil. Am 3. Oktober wird es bei den neu gesetzten Steinen der Erinnerung eine kleine Zeremonie geben.

„Dazu haben wir versucht, auch Angehörige der Opfer ausfindig zu machen. Von Frau Steiner werden etwa Verwandte nach St. Pölten kommen“, informiert Keil. Enthüllt wird bei der ehemaligen Synagoge dann auch eine Gedenktafel für deren Architekten Theodor Schreier und dessen Frau Anna. Das Ehepaar wurde nach Theresienstadt deportiert und ermordet.

Abgeschlossen ist das Projekt für die Historikerin damit noch nicht. „Wir werden so lange Steine der Erinnerung setzen, bis alle St. Pöltner Opfer der Shoah einen Stein mit ihrem Namen erhalten haben“, ist Keil entschlossen.