St. Pölten: Freispruch für Freundschaftsdienst . Ein 32-jähriger Krankenpfleger setzte einem befreundeten Paar Venenzugänge für den Drogenkonsum. Die Frau starb nach einer Kokain-Injektion. Am Mittwoch musste sich der Pfleger vorm Landesgericht St. Pölten verantworten.

Von Stefanie Marek und Anna Perazzolo. Erstellt am 04. August 2021 (16:23)
Landesgericht St. Pölten Symbolbild
Landesgericht St. Pölten
NÖN

„Wir sind wichtiger als die Drogen“ schrieb ein Paar auf einen Zettel und unterschrieb ihn. Eigentlich wollten der Mann und die Frau nach dem Silvesterabend 2020 mit dem Drogenmissbrauch aufhören. Ein letztes Mal wollten sie noch konsumieren, dann sollte Schluss sein. Noch in der Silvesternacht verstarb die 26-jährige Frau jedoch an Kokain, das sie sich intravenös zugeführt hatte. Dabei soll sie Hilfe von einem Dritten gehabt haben.

Der Fall landete am Mittwoch vor dem St. Pöltner Landesgericht. Der Angeklagte, ein 32-Jähriger, musste sich vor einem Schöffensenat wegen Körperverletzung mit tödlichem Ausgang verantworten. Er ist ein Freund der Verstorbenen und Krankenpfleger. Der Frau und deren 33-jährigen Freund hatte er auf deren Bitte hin über Monate mehrmals einen Venenkatheter gelegt, der ihnen den Drogenkonsum erleichterte.

Die Utensilien dafür im Wert von 400 Euro, hatte der Angeklagte von seinem ehemaligen Arbeitsplatz am St. Pöltner Universitätsklinikum gestohlen. Das gibt dieser zu, relativiert das allerdings mit der Aussage, dass Krankenhausmitarbeiter sehr häufig Utensilien aus der Klinik entwenden.

Mehrmals Venenzugang gelegt

Der Angeklagte und die Frau kannten sich von früher, sie hatten öfter gemeinsam Drogen konsumiert, erzählt der 32-Jährige. Dies sei aber nie intravenös geschehen. Im Oktober 2020 habe die Frau ihn dann zum ersten Mal gebeten, ihr und ihrem Lebensgefährten einen intravenösen Zugang zu setzen. Obwohl dem Pfleger bewusst war, dass dieser zum Drogenkonsum diente, ging er der Bitte nach. "Ich habe beiden einen Venflon gesetzt und erklärt, wie sie ihn wieder entfernen können", so der Angeklagte.

Am Tag danach erhielt er eine Nachricht der 26-Jährigen, dass alles gut verlaufen sei. Zu einem weiteren Treffen soll es Ende Oktober gekommen sein, woran sich der Angeklagte vor Gericht aber nicht mehr erinnert.
Nachdem sowohl beim ersten, als auch beim zweiten Mal alles gut verlaufen war, verabredete sich die Frau mit dem Angeklagten für den 31. Dezember 2020.

Auch am Silvestertag legte der befreundete Pfleger ihr und ihrem Lebensgefährten einen Venenzugang und verließ dann seine Wohnung im Bezirk Tulln. Die 26-Jährige und ihr Lebenspartner fuhren indes in ihre eigene Wohnung im Bezirk Baden und leiteten den Silvesterabend mit Champagner und Kokain ein. Zum Konsum kam es im Laufe der nächsten Stunden mehrmals.

Kokain-Vergiftung führte zu Kreislaufversagen

Die volle Wirkung des Kokains setzte um halb ein Uhr nachts ein, erklärt der Gerichtsgutachter. Aufgrund der Daten einer Pulsuhr, die die junge Frau trug, habe man den hohen Herzschlag und das anschließende Kreislaufversagen gut dokumentieren können. Neben Spuren von Cannabis, Kokain und Streckmitteln fand man bei der Frau eine blutunterlaufene Einstichstelle in der rechten Armbeuge.

Der Gutachter stellte allerdings keine Überdosis fest, sondern eine Vergiftung, die zu Kreislaufversagen, Hirnschwellung und Blutstau in den inneren Organen und schließlich zum Tod führte.
„Sie nahm immer mehr als ich, es war ihr nie genug“, sagt der Freund der Verstorbenen, der als Zeuge geladen ist. Sie hatte bereits Erfahrung mit dieser Art des Drogenkonsums und soll sich über die Risiken im Klaren gewesen sein: „Sie hat gesagt, es steht 50:50, dass man es überlebt“, so der Lebensgefährte.


Keine Mitschuld am Tod

Weil sie ihn um den Venenzugang gebeten und die tödliche Injektion selbst gesetzt hatte, "kann man diesen Tod nicht dem Angeklagten zur Last legen", meint der Staatsanwalt am Ende der Verhandlung und der Schöffensenat stimmt zu. Er spricht den Pfleger von der Körperverletzung mit tödlichem Ausgang frei. Für die Diebstähle aus dem Krankenhaus bekommt er ein Diversionsangebot und muss nun eine Geldbuße von 2.200 Euro und eine Schadenswiedergutmachung an das Universitätsklinikum St. Pölten in Höhe von 400 Euro leisten. Das Urteil ist rechtskräftig.