Marie Rötzer: „Kultur ist relevant“. Intendantin Marie Rötzer über Auswirkungen der Krise und Theater als Nahversorger.

Von Beate Steiner. Erstellt am 23. Juni 2020 (17:32)
Marie Rötzer stellte ihr neues Programm vor.
Alexi Pelekanos

Das Landestheater nimmt im September seinen Betrieb wieder auf. Intendantin Marie Rötzer blickt auf das Programm voraus und erklärt, wie die Pandemie darin sichtbar ist.

NÖN: Sie haben als Sprecherin der Bundesländer-Theater maßgeblich dazu beigetragen, dass die Politik die Kultur aus den Corona-Fesseln befreite. Warum?
Marie Rötzer: Als die ersten Lockerungen für Baumärkte und Gastronomie erlassen wurden, haben wir auch im Kunst- und Kulturbereich über Möglichkeiten der Öffnung unserer Häuser nachgedacht und konstruktive Vorschläge für Sicherheitsmaßnahmen erarbeitet. Die Politik hat die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft weit nach hinten gereiht. Deshalb war es uns umso wichtiger, darauf hinzuweisen, dass Kultur gerade in Krisenzeiten für die Menschen relevant ist und vor allem wir als Bundesländer-Theater die kulturellen Nahversorger für Stadt und Land sind.

Wie ist das Theater mit dem Shutdown umgegangen?
Mitte März mussten wir alle unsere Proben und Vorstellungen absagen und die Theatertüren schließen. Seitdem haben die Schauspieler unseres Ensembles unter #theatertagebuch künstlerische Online-Beiträge gestaltet. So haben wir versucht, mit einem digitalen Spielplan eine Verbindung zu unserem Publikum aufrechtzuerhalten, dieser Spielplan ist glücklicherweise sehr erfolgreich angekommen. Wir sind bereits wieder dabei, das Theater für den Spielbetrieb im September fit zu machen. Mittlerweile haben wir auch mit den Proben für die Eröffnungsspielzeit begonnen.

Die Corona-Krise hat sichtbar gemacht, dass unsere globale Gesellschaft sehr zerbrechlich ist 

Wie wird sich die Pandemie im Spielplan widerspiegeln?
Die Corona-Krise hat sichtbar gemacht, dass unsere globale Gesellschaft sehr zerbrechlich ist. Mit dieser Erkenntnis wollen wir uns am Theater die Frage stellen, wie wir unsere Zukunft besser und gerechter gestalten können. Viele Themen, die auch vor der Krise schon virulent waren, sind verstärkt aufgetaucht: Gleichstellung von Mann und Frau, soziale Ungleichheit, Diskriminierung. Diese Themen spiegeln sich in den ausgewählten Stücken, und es gibt Veranstaltungen, Lesungen und Vorträge, wie mit der Philosophin Lisz Hirn, in deren Rahmen wir uns mit unserem Publikum über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Krise austauschen wollen.

Welche Aufführungen aus 2019/2020 werden in den neuen Spielplan aufgenommen?
Wir freuen uns sehr, dass wir fast alle Stücke in der neuen Saison präsentieren können, wie „Christoph Kolumbus“, eine mehrsprachige musikalisch-theatrale Inszenierung, sowie Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, eine Produktion, die es fast bis zur Generalprobe geschafft hat, das Siegerstück für das Peter-Turrini- Stipendium „Monte Rosa“ und unser Bürgertheater „Eine Stadt sucht ihr Theater“, eine Uraufführung von Bernhard Studlar, entstanden anlässlich unseres 200-Jahre-Jubiläums.

Was ist Ihr persönliches Highlight am Landestheater in der kommenden Saison? Wann startet diese?
Wir starten gleich am 18. September zur Eröffnung der Spielzeit mit einem Höhepunkt, Molières „Schule der Frauen“ in einer Inszenierung der großartigen Schauspielerin, Sängerin und Regisseurin Ruth Brauer-Kvam. Für mich sind alle Stücke, von Nestroys „Talisman“ in der Regie von Alexander Pschill, mit Christian Dolezal als Gast, bis zu Shakespeares „Othello“ mit Rikki Henry als Regisseur, von Thomas Manns „Zauberberg“ mit der Musik von Clara Luzia bis zu „Die Reise“, unserer Koproduktion mit St. Pöltens Partnerstadt Brünn, herausragende Produktionen. Worauf ich mich besonders freue, sind unsere Stücke für unser junges Publikum. Da beginnen wir mit Mira Lobes „Das Städtchen Drumherum“ für die Kleinsten, „Das kleine Gespenst“ für ab 6-Jährige, ein Stück über „Gandhi“, mit dem wir in die Schulen gehen, sowie „Wir alle für immer zusammen“, unser Jugendstück in der Bühne im Hof über eine bunte Patchworkfamilie.

Die kommende Spielzeit ist unter besonderen Umständen durch die Corona-Krise entstanden, umso mehr wollen wir zusammen mit dem Publikum unser Theater in St. Pölten unter dem Motto „200-Jahre-Welt-Bürger*innen-Theater“ feiern – auch für die nächsten 200 Jahre.