Mit Zeitzeugen & Experten auf Spurensuche in St. Pölten. Mit Zeitzeugen und Experten geht es an drei Terminen auf Spurensuche in St. Pölten.

Von Birgit Böhm-Ritter. Erstellt am 12. September 2019 (04:34)
Berger
Freuen sich bereits jetzt auf die Stadtspaziergänge: Ekrem Arslan, Niklas Perzi, Manuela Tüchler und Rita Garstenauer.

St. Pölten ist nicht nur heutzutage Migrationsstadt, sondern schon seit 100 Jahren. Das soll jetzt das Projekt „Migration findet Stadt“ verdeutlichen, das vom Zentrum für Migrationsforschung in Kooperation mit lokalen Kulturinstitutionen als Vorprojekt zur Bewerbung als Kulturhauptstadt organisiert wird. „Ziel unserer Spaziergänge ist, die St. Pöltner mit der Migrationsgeschichte ihrer Stadt zu verbinden“, erzählt Projektleiter Niklas Perzi.

Der erste Spaziergang am 16. September führt ins Glanzstoffviertel, „Hotspot“ der Zuwanderung von Arbeitskräften. Einer der Experten und Zeitzeugen, die sich mit auf die Spurensuche begeben, ist Ekrem Arslan vom Zentrum für Migrationsforschung. Er weiß aus eigener Erfahrung, wo die türkischen und tunesischen Arbeiter lebten, Lebensmittel einkauften und in die Moschee gingen. Sein Vater kam 1964 aus der Türkei nach St. Pölten. Arslan selbst arbeitete sieben Jahre lang für die Glanzstoff. Er kündigte nicht wegen der Schwerstarbeit oder des Schichtbetriebs. „Die haben uns nicht gleichbehandelt“, erinnert sich Arslan.

Die zugewanderten Arbeiter hätten keine Aufstiegschancen gehabt und blieben jahrelang Hilfsarbeiter. In den Firmenwohnungen lebten sie Tür an Tür mit österreichischen Kollegen. Insbesondere nach Haiders Wahlsieg erlebte Arslan Anfeindungen: Eines Morgens klebte das Pickerl „Ausländer raus“ nicht nur an seiner Wohnungstür, sondern auch an anderen.

Aus Sprachschule wurde ein beliebtes Lokal

Die Spuren vieler weiterer Arbeitsmigranten wird der Spaziergang zeigen. Auch jener der böhmischen und mährischen Arbeiter der Firma, die bereits um 1900 hier lebten. Von ihnen sieht man nur noch „relativ wenige bauliche Spuren“, weiß Perzi. Er konnte jedoch herausfinden, dass es eine tschechische Sprachschule gab, wo sich später das „Kuckucksnest“ befand.