NÖN-Reportage: Raser im Visier

178 Organmandate und 76 Anzeigen verhängte die St. Pöltner Bezirkspolizei an einem einzigen Tag.

Gila Wohlmann
Gila Wohlmann Erstellt am 12. Oktober 2021 | 13:39
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Uwe Himmelbauer und Christoph Hess kontrollierten in Gerersdorf das Fahrverhalten der Lenker.
Foto: Gila Wohlmann

Aktion scharf im Bezirk St. Pölten-Land. Die Polizei hat zwei- wie vierrädrige Raser im Visier. Von Mauerbach bis Böheimkirchen, von Herzogenburg bis Ober-Grafendorf. Weiter bis ins Obere Pielachtal. Kein Rayon wird ausgelassen. Die NÖN darf rund um die Landeshauptstadt und im Pielachtal live dabei sein, wenn Verkehrssünder genauer unter die Lupe genommen werden.

Ankunft auf der Polizeiinspektion Prinzersdorf. Kommandant Leopold Schweiger ist Einsatzleiter der vom Bezirkspolizeikommando angeordneten Schwerpunktaktion. „Heute haben wir 16 Streifenwägen im Einsatz“, informiert er. Start war bereits um 9 Uhr morgens. Jede Streife, besetzt mit zwei Beamten, ist an diesem Tag zwei Mal zwei Stunden unterwegs. An unterschiedlichen Straßenstücken. Vor allem an neuralgischen Punkten. Dort, wo Verkehrsteilnehmer bewusst wie unbewusst zu fest aufs Gaspedal steigen. Oder gerade an Straßenstücken, wo keiner mit einer Verkehrsmessung rechnet.

Nach einem kurzen Rückblick über den Verkehrsdienst während der Lockdownzeit, „im ersten Lockdown waren die Straßen wie ausgestorben, im zweiten merkten wir kaum einen Unterschied zu einer Nicht-Lockdownzeit“ erzählt Schweiger, begeben wir uns zum Zivilwagen. Am Steuer sitzt Johann Kopatz, ebenfalls von der Prinzersdorfer Dienststelle. Wir fahren zum Kontrollpunkt mitten im Ortsgebiet von Gerersdorf.

Setzen der Lichthupe nur bei Gefahr erlaubt

Hier nehmen gerade die Gruppeninspektoren Christopher Hess und Uwe Himmelbauer Lasermessungen vor. Ein rumänischer Fahrzeuglenker wird zur Kassa gebeten. Denn die im Ortsgebiet erlaubten Tempo 50 hat er klar überschritten. Er zahlt. Widerstandslos. Genau wie die zwei folgenden Telefonierer am Steuer. Zwar nicht zu schnell, aber eben auch gesetzeswidrig unterwegs. Noch suboptimaler sei die Kombination aus „zu schnell mit dem Handy am Ohr“. „Auch das kommt immer wieder vor“, wissen die Beamten.

Im Zivilwagen setzen wir unsere Tour in Richtung Pielachtal fort. Viele freundliche entgegenkommende Autofahrer weisen uns eifrig mit der Lichthupe auf die Exekutive hin, die heute auf der B 39 kontrolliert. Was sie nicht ahnen, ist, dass sie ja die Polizei vor den eigenen Kollegen warnen.

„Was sie aber wissen sollten, ist, dass das Setzen der Lichthupe nur bei Gefahr erlaubt ist“, mahnt Schweiger, denn sonst ist das ein klarer Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung. Daran werden einige Verkehrsteilnehmer an diesem Tag mit einer kleinen Aufklärung und einem Organmandat „erinnert.“ Die Begründungen gegenüber den Beamten fallen dabei mitunter kreativ aus. „Ich wollte nur meine Kunden grüßen“, entschuldigte ein Lieferwagenfahrer sein Lichtkonzert. Nur die Zivilstreife war jedoch doch kein Kunde.

Auch wenn es gang und gäbe ist: „Wer die Lichthupe setzt, trägt mitunter zu Verwirrung anderer Verkehrsteilnehmer bei“, geben die Beamten zu bedenken.

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Martin Weinberger und Michael Schittler (v. l.) nahmen Geschwindigkeitsmessungen an der B 39 in Hofstetten-Grünau vor.
Gila Wohlmann

Mitten in Hofstetten-Grünau ist die nächste Streife mit Martin Weinberger und Michael Schittler positioniert. „Zu schnell waren viele. Meist an die 65 statt 50 Km/h. Keine Raser. Aber eben doch über dem erlaubten Tempo“, berichten sie. Auch hier müssen die Lenker zahlen. "Nicht um abzuzocken, sondern um daran zu erinnern, dass im Ortsgebiet viele Kinder unterwegs sind, oder dass ein Zebrastreifen auch spontan gequert wird", sagt Schweiger. Und mit Tempo 70 ist der Bremsweg doch um einiges länger als mit den erlaubten 50 Stundenkilometern.

„Gibt es den typischen Raser? Fährt er eine bestimmte Automarke?“, will die NÖN-Reporterin wissen. „Nein“, sagt Schweiger. Schnellfahren ziehe sich durch alle Alters- und Sozialschichten. „Das ist der unvorsichtige Pensionist genauso wie die gestresste Hausfrau“, weiß er. Die typischen "Roadrunners" mit getuneden Autos, wie man sie aus Ballungszentren kennt, findet man auf den Straßen im Bezirk eher selten.

Beamten absolvieren "Roadrunner"-Schulungen

Dennoch bildet sich die Exekutive derzeit mit speziellen "Roadrunner"-Schulungen fort. „Da wird von Experten der Landesverkehrsabteilung genau erklärt, welche unerlaubten Umbauten bei den verschiedenen Marken gerne vorgenommen werden und welche Dezibel an Lärmausstoß erlaubt sind“, schildert Schweiger.

Nach einigen Stunden beenden wir unsere Tour durch den Bezirk. 178 Organmandate und 76 Anzeigen wurden an diesem Tag verhängt. Ein besonderer „Ausreißer“ war nicht dabei. Manche Raser bleiben jedoch weit länger im Gedächtnis. So wie eine 28-jährige Lenkerin. „Sie überholte in Gerersdorf im Überholverbot mit fast Tempo 100. Haltezeichen missachtete sie einfach. Und stieg weiter aufs Gas. Und überholte mit 140 Stundenkilometern.

„Bei der Stockingerbrücke in St. Pölten konnten wir sie erst anhalten“, erinnert sich Schweiger. Bald stand der Grund ihres Verhaltens fest: Führerschein hatte sie keinen, TÜV-Pickerl am Auto ebenso nicht. Dafür aber sechs Gramm Chrystal Meth dabei. Eine amtsärztliche Untersuchung ergab: Sie hatte sechs verschiedene Substanzen eingenommen. Besonders erschütternd für Schweiger: „Die Frau hatte in diesem Zustand gelenkt und dabei ihren Sohn im Auto. Sie wollte ihn zu einem Kinderlager bringen.“

Die Fahrt ging aufgrund des Einschreitens der Exekutive glimpflich aus. Mutter wie Sohn als auch andere Verkehrsteilnehmer blieben unversehrt. Nur ein Beispiel für Schweiger, warum Verkehrskontrollen keine „inszenierte Sekiererei“ der Polizei an Lenkern, sondern ein klarer Beitrag zum Leben retten sind. Die NÖN verlässt dankend den Zivilwagen und fährt heim. Lichthupe setzt sie heute keine mehr. Kein Bedarf. Denn die Beamten des Bezirks sorgen ja für Sicherheit auf den Straßen.