Bürgermeister Stadler: „Dom verdient schönen Vorplatz“. Bürgermeister Matthias Stadler über die Kulturhauptstadt und Stadtentwicklung, eine Öffi-Kernzone und Ministerposten.

Von Martin Gruber-Dorninger und Nadja Straubinger. Erstellt am 04. September 2019 (03:16)
Vorlaufer
Bürgermeister Matthias Stadler hat sich als Ort für das Stadtgespräch die FH-Baustelle ausgesucht. Vor der wachsenden Hochschule stellte er sich den Fragen von NÖN-Redaktionsleiter Martin Gruber-Dorninger.

Die Stadtgespräche der NÖN gehen mit Matthias Stadler (SPÖ) ins Finale. Der Bürgermeister spricht über Ausbildungsmöglichkeiten, Wohnbau und St. Pöltens Weg zur Kulturhauptstadt.

NÖN: Sie haben sich die Fachhochschule als Treffpunkt ausgesucht. Warum gerade diesen Ort?
Matthias Stadler: Die FH ist für mich eines der entscheidenden Projekte, die enorm wichtig für die Stadtentwicklung sind. Da geht es auch um die Konkurrenzfähigkeit der Stadt. Als Landeshauptstadt haben wir eine Zentrumsfunktion. Durch die Nähe zu Wien haben wir viel Potenzial. Wir wären sofort bereit, wenn es die Möglichkeit für eine Volluniversität in St. Pölten gäbe.

Angenommen Sie hätten gerade die Matura hinter sich. Würden Sie in St. Pölten an der FH studieren und welchen Studiengang würden Sie wählen?
Mich interessiert der Bereich IT-Security sehr. Die FH hat sich schon früh in diesem Bereich spezialisiert.

Basis für eine Hochschulausbildung ist aber eine fundierte Basisbildung in den Volks- und weiterführenden Schulen. Ist die Stadt für das Wachstum gerüstet?
Wie setzen die Kindergartenoffensive fort. Jedes Kind ab zweieinhalb Jahren bekommt einen Kindergartenplatz. Sicher gibt es in manchen Volksschulen Klassen, wo aufgrund der Schülerzahlen weitere Klassen notwendig sind. Allerdings muss man auch sehen, dass vor nicht allzu langer Zeit Radl berg und Ratzersdorf aufgrund zu geringer Zahlen von der Schließung bedroht waren. Wir konnten die Standorte dauerhaft absichern. Wir haben in vielen Schulen und Kindergärten noch Platz und das in zumutbaren Distanzen, unsere Themen sind eher die Sanierungen. Wir haben auch erreicht, dass die Bundesschulen saniert wurden. Einziger Schulstandort, wo noch in Containern unterrichtet wird, ist jener von Basop und Bakip.

Apropos Bevölkerungswachstum: In St. Pölten sprechen Kritiker schon von einer Immobilienblase. Es gebe kaum leistbare Wohnungen. Wie schätzen Sie die Situation ein?
 Viele der neuen Wohnbauten sind voll. Bei den Reihenhäusern in Spratzern gab es Interventionsversuche, weil die Nachfrage viel höher als das Angebot war. Wir sind in St. Pölten einfach verwöhnt. Wohnungspreise, die für uns teuer sind, veranlassen Studenten etwa, sich in St. Pölten niederzulassen und von hier nach Wien zu pendeln. Noch unter der Stadtführung von Willi Gruber gab es 1.000 Wohnungssuchende, mit dieser Situation möchte ich nicht tauschen. Wir können in jedem Preissegment Wohnungen anbieten. Ich habe aber die Sorge, dass die Wohnungspreise noch stärker steigen werden. Je größer unser Angebot in der Stadt ist, desto langsamer werden die Preise ansteigen. Das Prinzip von Angebot und Nachfrage gilt auch für St. Pölten.

"Wenn es bezahlt wird, kann ich mir auch einen Nulltarif vorstellen"

Ein Dauerthema sind auch die Öffis und das geforderte 200-Euro-Ticket. Für Sie realistisch?
Wenn es bezahlt wird, kann ich mir auch einen Nulltarif vorstellen. Allerdings ist das Aufgabe des Landes und des Bundes. Es bringt nichts, so etwas in einer Stadt allein zu machen. Unser Verkehrsproblem rührt mehr von den Einpendlern, weil das Öffi-System nicht an das Umland angebunden ist. Den Lup bis ins Umland können wir aber nicht finanzieren. Eine meiner Forderungen bleibt eine Kernzone für den Zentralraum.

Am 12. November fällt die Entscheidung, ob St. Pölten Kulturhauptstadt wird. Was werden Sie an diesem Tag machen?
Hoffentlich feiern. Wir planen sehr interessante Projekte und auch das Land steht hinter uns. Es herrscht große Einigkeit, dass wir das wollen, da gibt es fast keine Gegner.

Im Sommergespräch im Vorjahr meinten Sie, St. Pölten benötige zur Komplettierung etwas Herausragendes. Könnte das Kinderkunstlabor so etwas sein?
Ja, das „Kikula“ könnte so etwas sein. Das gibt es österreichweit noch nicht und auch im Rest von Europa nur in Ansätzen. Wir wollen etwas, das in die Zukunft weist und die Kinder sind unsere Zukunft.

Der angedachte Standort im Altoona-Park ist heiß diskutiert. Gibt es Alternativen?
Es gibt andere Standorte, allerdings ist dieser zwischen Innenstadt und Regierungsviertel ideal, um eine Verbindung zu schaffen. Bei jedem Kindergarten und jeder Schule ist der Außenbereich wichtig. So einen möchten wir auch für das „Kikula“, dafür benötigen wir den Park. Von Zupflastern ist keine Rede und der Altbaumbestand sollte großteils erhalten bleiben. Es ergibt keinen Sinn, die Kinder dort nur zwischen den vier Betonwänden einzuschränken, das wäre der falsche Weg.

Wie wird die Kulturhauptstadt St. Pölten verändern, etwa den Domplatz?
Der Domplatz ist einer der entscheidenden Plätze. Wenn wir uns zurückerinnern, gab es auch bei der Veränderung des Rathausplatzes viele Diskussionen. Es wurde zu einem Kompromiss, weil einige die geplante dreistöckige Tiefgarage nicht wollten, jetzt hätten diese alle gern. Der Rathausplatz wird an rund 300 Tagen im Jahr bespielt. Dieses Konzept werden wir auch im Falle der Kulturhauptstadt natürlich nicht über Bord werfen, dann brauchen wir aber diesen zusätzlichen großen Platz als Bindeglied zwischen Innenstadt und Regierungsviertel.

Der St. Pöltner Dom hat sich einen schöneren Vorplatz verdient

Wenn Sie dann in den Dom gehen wollen, wo werden Sie parken?
Es kommt darauf an, ob die Verhandlungen mit der Diözese erfolgreich sind. Es gibt aber auch bei der Bezirkshauptmannschaft eine große Garage, die sonn- und feiertags leer steht. Man muss einfach miteinander reden. Der St. Pöltner Dom hat sich einen schöneren Vorplatz verdient.

Die anderen Fraktionen bekritteln, dass Sie nur das Gespräch suchen, wenn Sie etwas brauchen. Wie sehen Sie die Kommunikation?
Ich habe nie etwas vom parteipolitischen Streit und vom Anpatzen um jeden Preis gehalten. Manchmal lässt mir die Opposition aber keine Chance. Grundsätzlich komme ich ganz gut mit allen aus.

Ich bin nach 15 Jahren als Bürgermeister noch nicht amtsmüde

Sie hatten bereits die Möglichkeit, ein Ministerium zu übernehmen. Würden Sie bei einem neuerlichen Angebot „Ja“ sagen? 
Ich bin nach 15 Jahren als Bürgermeister noch nicht amtsmüde. Ich würde mich auch beruflich nur dann verändern, wenn es mir keinen Spaß mehr macht. Es ist in den Jahren viel weitergegangen. Wir haben uns für die Kulturhauptstadt beworben. Wenn ich so etwas angehe, dann sage ich nicht: „Badet das alleine aus.“ Ich möchte dann bei der Umsetzung noch in dieser Position dabei sein und auch im Jahr 2024, sofern die St. Pöltner das wollen.