Heimat für 1.000 Flüchtlinge. 614 Asylwerber leben in St. Pölten, 404 im Bezirk. Schüler kämpfen gegen Abschiebung.

Von Thomas Werth, Birgit Kindler, Lisa Röhrer und Mario Kern. Erstellt am 20. November 2018 (03:58)
Röhrer, Straubinger
Caritas-Direktor Hannes Ziselsberger unterstützt die LBS-Schüler, deren Kollege die Abschiebung droht.

Als einer von mehreren hundert Flüchtlingen landete der Palästinenser Mohamed Sulaiman 2015 im Wirtschaftshof St. Pölten. Hallen, in denen normalerweise Traktoren und Straßendienstfahrzeuge untergestellt sind, wurden zur temporären Bleibe für Hilfesuchende aus dem Osten. Sulaiman lebt wie 613 weitere Flüchtlinge nach wie vor in St. Pölten (im Bezirk sind es 404). Der ehrenamtliche Kickboxtrainer sammelt mittlerweile, wie berichtet, Spenden für die Caritas. „Weil auch sie mir geholfen hat“, erzählt der 48-Jährige.

Sulaiman ist ein Paradebeispiel für gelungene Integration, die in St. Pölten neben der Hilfe vieler Freiwilliger auch deshalb gut funktioniert, weil darauf geachtet wurde, dass die Asylwerber nicht in organisierten, sondern großteils in privaten Quartieren untergebracht werden. „Dadurch hatten wir eigentlich seit Beginn der Flüchtlingskrise keine Probleme. Integration gelingt nicht dort, wo Menschen nur noch als Masse wahrgenommen werden“, so Martina Eigelsreiter, Leiterin des Büros für Diversität der Stadt.

Straubinger
Mohamed Sulaiman startete Spendenaktion für die Caritas in Facebook. Er ist ehrenamtlicher Kickboxtrainer in Megs Kampfsportakademie in Ratzersdorf.

Doch selbst eine gelungene Integration schützt nicht vor einer Abschiebung. Wie schlimm das nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für sein Umfeld ist, zeigt aktuell ein Brief von Schülern der Landesberufsschule. Hilfesuchend und verzweifelt wandten sich diese in der Vorwoche an Politiker und Hilfsorganisationen. Denn ein Mitschüler, der sich in den vergangenen vier Jahren ein Leben in Österreich aufgebaut, eine Lehrstelle gefunden und viele Freundschaften geschlossen hat, hat einen negativen Asylbescheid bekommen. „Er soll zurück nach Afghanistan. Sein Lebensmittelpunkt ist aber hier. Das ist seine Heimat“, ist Schulsprecherin Katja Witzmann fassungslos. „Erhalten hat den Brief auch Caritas-Direktor Hannes Ziselsberger. Er unterstützt die Schüler, indem er ihren Brief samt Unterschriftenliste auf seinem Facebook-Profil teilt. Dort betont er auch, dass der Hilferuf der LBS-Schüler kein Einzelfall sei: „Viele Bürger machen gerade die Erfahrung, dass ihr Anstrengungen für die Integration von Flüchtlingen ins Leere laufen“, schreibt er.

Kaum Probleme im Pielachtal

So gut wie keine Probleme gab es in den letzten drei Jahren im Pielachtal. In Ober-Grafendorf war 2015 eine Akutanlauf-stelle für 30 Flüchtlinge in der ehemaligen Post eingerichtet worden. Um Probleme zu vermeiden, band die Gemeinde bereits im Vorfeld Vereine, Schuldirektoren und die Kirche ein.

In St. Margarethen war 2015 eine Familie aus Syrien in einer Privatwohnung untergebracht worden. Die Familie mit drei Kindern zieht aktuell nach Melk in eine größere Wohnung um.

Eine private Unterkunft gab es auch in Weinburg. Vor eineinhalb Jahren wohnte noch ein Pärchen in der Gemeinde, aktuell ein junger Mann.

Drei Familien wurden in Hofstetten-Grünau aufgenommen. Eine ist vollständig integriert, die zweite hat ebenfalls Asylstatus – nur die dritte wartet auf ihren Bescheid. „Das Zusammenleben funktioniert tadellos, alle sind integrationswillig“, betont Bürgermeister Arthur Rasch.

Bei der großen Flüchtlingswelle gab es in Rabenstein sogar 40 Unterkünfte, mittlerweile aber nur mehr eine Privatunterkunft. Im Ort lebt derzeit eine junge, bestens integrierte Syrerin. „Sie hat das Gymnasium besucht, kann perfekt Deutsch und studiert mittlerweile“, zeigt sich Ortschef Kurt Wittmann stolz.

In Kirchberg wurden Flüchtlinge im ersten Stock des Café Dirndlhof und in einem Wohngebäude in der Stolzgasse untergebracht. Viele Asylwerber haben versucht, sich etwa im Sportbereich zu integrieren.

In Schwarzenbach leben aktuell – ebenso wie in Loich – keine Flüchtlinge. Bis zum Vorjahr wohnte eine sechsköpfige Familie aus Afghanistan hier.

Von ursprünglich 70 auf aktuell 25 ist die Zahl der Flüchtlinge in Frankenfels gesunken. Bis vor wenigen Tagen (siehe Seite 28) gab es hier keine Probleme. „Abgesehen von diesem Einzelfall integrieren sich die Flüchtlinge perfekt und lernen auch gut Deutsch“, betont Bürgermeister Franz Größbacher.

Umfrage beendet

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