Wohnen in St. Pölten: Einfamilienhaus „geht sich nicht mehr aus“

Erstellt am 29. Juni 2022 | 04:32
Lesezeit: 5 Min
440_0008_8404664_stp26_skizze_c_rosniak.jpg
Der „Green Loop“ vom Planungsteam Rosniak und Partner sowie von DnD mit Daniela Allmeier setzte sich beim Wettbewerb für die Neugestaltung der Promenade gegen sieben andere Teams durch.
Foto: Rosniak und Partner
Vor der Podiumsdiskussion hat sich die NÖN mit einer Stadtplanerin und einem Architekten angesehen, wie es um die Zukunft des Wohnens bestellt ist.
Werbung
Anzeige

Das Wohnen in St. Pölten mit seinen vielen Aspekten werden spannende Podiumsgäste kommenden Dienstag, 5. Juli, noch einmal genau beleuchten und diskutieren.

Vor dem Abschluss des Schwerpunkt-Themas blicken Experten und Expertinnen Richtung Zukunft. Wie sich Wohnraum in der Landeshauptstadt entwickeln wird und soll, was geändert wird und sich ändern muss und was die großen Herausforderungen sind, dazu hat die NÖN Architekt Paul Pfoser und Stadtplanerin Daniela Allmeier befragt.

„St. Pölten hat Baulandreserven und kann sich mit innovativen Projekten etablieren.“ Paul Pfoser

Für den Klimaschutz und die Resilienz einer Stadt sieht Allmeier - die als Mitinhaberin von Raumposition etwa den Planungsprozess des grünen Promenadenring um die Altstadt mitbegleitet hat - den Energiebereich und die Mobilität als größte Hebel. Hier müsse man ansetzen, um das Ziel Klimaneutralität bis 2040 zu erreichen.

Auf Herausforderungen durch den Klimawandel mit kluger Projektentwicklung reagieren – das gilt auch für Paul Pfoser. „Die Master-Plan-Säule ,green_cool*stp‘ beschäftigt sich unter anderem damit, Entwicklungspotenziale zu erkennen und zu aktivieren. „St. Pölten hat Baulandreserven und kann sich mit innovativen Projekten etablieren“, ist Pfoser überzeugt.

„American Dream“ muss wohl Traum bleiben

Daniela Allmeier gibt aber vorab schon zu bedenken, dass es sich hier um eine Querschnittsmaterie handelt, die in viele Bereiche eingreife. Es gehe dabei um das Thema Baustoffe, Lebenszyklus und Green Building ebenso wie um Raumordnung und Flächenwidmung, die Ressource Boden und die Frage, wie dicht wir bauen.

„Ein Einfamilienhaus können wir uns eigentlich schon lange nicht mehr leisten“, betont Allmeier. Der „American Dream“ vom Einfamilienhaus mit Doppelgarage und Garten gehe sich sowohl volkswirtschaftlich als auch flächenmäßig nicht aus, sagt auch Paul Pfoser. Es müsse standortgerechte Nachverdichtung unter Berücksichtigung von Baukultur, Mobilität, Energieversorgung, Grünraumgestaltung und regionale Lebensmittelversorgung geben, steckt Pfoser die Themen ab.

„In St. Pölten draußen zu bauen, schlägt beim Thema Mobilität nicht in diese Kerbe“, sagt Allmeier. Es müsse um die verfügbaren Reserven im Siedlungskern gehen. „Je zentraler, desto besser.“ Dort sei dann auch die Qualität der öffentlichen Anbindung besser. „In St. Pölten als Stadt vieler Dörfer mit großen Distanzen ist es nicht leicht, einen guten Takt in die Fläche zu kriegen“, gibt Allmeier zu bedenken.

Aufgrund der Topographie habe die Stadt aber gute Voraussetzungen für sanfte Mobilität. Mit dem Masterplan „Aktive Mobilität“ sollen neue Wege geschaffen, Lücken geschlossen und das Wegenetz dichter werden. „Viele Jahrzehnte hat sich die Stadtplanung dem Personenkraftwagen untergeordnet, neue Arten der Mobilität und die Digitalisierung ermöglichen ein Umdenken“, meint auch Pfoser.

Klimaschutz und Klimawandel-Anpassung

Beim Thema Energie sieht die Raumplanerin die thermische Sanierung der Bauten aus den 60er- und 70er-Jahren ebenso als Herausforderung wie den kleinteiligen Wohnbau mit privaten Eigentumsstrukturen. Eine Lösungsmöglichkeit seien hier Energiegemeinschaften. „Energie soll lokal vor Ort produziert werden. Ein Quartier kann sich selbst versorgen, kann auch mit Abwärme arbeiten“, sagt Allmeier.

Das ganze Thema sei aber voll mit Zielkonflikten. Denn für Klimaschutz müsse man in erschlossenen Lagen verdichten, wenn man entwickeln will, erklärt Allmeier. Das sei wiederum aber oft schlecht für die Klimawandel-Anpassung. Umgekehrt helfe Anpassung nicht dabei, „beim CO 2 runterzukommen“.

Anpassungsmaßnahmen sollte man aber beim Bauen immer mitdenken: Sonnenschutz, Kühlung von Gebäuden, Grundrisse, Kaltluftschneisen, Grünräume. „Bis dato war Südlage am besten, künftig wird die Nordlage am Haus die bessere sein“, meint Allmeier.

Dass es langfristig darum gehen wird, Gebäude zu kühlen, bestätigt auch Paul Pfoser. „Das Mikroklima wird zu einer entscheidenden Frage der Lebensqualität und erfordert vorausschauende Maßnahmen wie Entsiegelung, Bepflanzung vertikal und horizontal, Befeuchtung, Farbwahl und mehr.“

Gesunde Dichten hätten genug unversiegelte Flächen für Versickerung. Hier sieht die Raumplanerin derzeit noch oft „zu viele versiegelte Flächen“ oder auch zu dunkle Farben, die Hitze speichern. Bei der Klimawandel-Anpassung kommt für Allmeier dem öffentlichen Raum große Bedeutung zu. Hier müsse man mit Grün arbeiten, um Erhitzung vorzubeugen. „Die Hitzetode nehmen zu. Viele sterben, weil sie trotz zunehmender Temperaturen zu wenig trinken“, so Allmeier.

Der Klimaschutz müsse wichtigste Priorität auch beim Wohnbau bleiben, ist Raumplanerin Daniela Allmeier überzeugt. „Das ist das einzige ökologisch und ökonomisch Sinnvolle. Wir müssen das Problem an der Quelle lösen.“

Werbung