St. Pölten: Covid-19-Pandemie drückt auf die Psyche. Therapeuten, Sozialarbeiter, Frauenhaus, Behörden bestätigen: Junge Menschen leiden besonders unter der Situation.

Von Nadja Straubinger, Caro Böhm und Beate Steiner. Erstellt am 19. Februar 2021 (03:16)
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Das Corona-Virus hat die Welt verändert. Lockdowns und Einschränkung der sozialen Kontakte haben ihre Spuren hinterlassen. Therapeuten, Sozialarbeiter, Frauenhaus und Behörden orten erste Auswirkungen der Krise: Gefährdungsmeldungen und Wegweisungen werden mehr.

„Ich merke in meiner täglichen Arbeit, dass es Kindern und Jugendlichen zurzeit wirklich schlecht geht“, sagt Margit Schmied. Die Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche muss immer wieder junge Patienten mit akuten Suizidgedanken zu Fachärzten oder in Kliniken überweisen. „Diese Problematiken treten jetzt besonders zutage, weil Kompensationsmöglichkeiten wie Entspannung und Austausch mit Freunden wegfallen und Einsamkeit und Isolation Probleme verstärken“, weiß Schmied.

„Kinder leiden nicht unter Corona – sie leiden darunter, wie die Eltern und Lehrer damit umgehen.“ Margit Schmied, Psychotherapeutin

Probleme gibt es zum Beispiel in der Schule, wie bei der zwölfjährigen Elli. Sie tut sich schwer mit dem Homeschooling. Der Computer streikt oft. Eine Lehrerin gibt schwierige Aufgaben, die Elli alleine nicht lösen kann. Die Lehrerin beschwert sich bei den Eltern. Diese schimpfen. Die Lehrerin gibt ihr eine schlechte Note. Elli kann nicht mehr schlafen, zieht sich zurück, fühlt sich traurig und einsam. Sie kann mit niemandem darüber reden. Wenn sie lange mit ihrer Freundin telefoniert, schimpfen die Eltern wieder. Für Elli beginnt ein Kreislauf, aus dem sie aus eigener Kraft nicht heraus kann. „Kinder leiden nicht unter Corona – sie leiden darunter, wie Eltern und Lehrer damit umgehen“, erklärt die Psychotherapeutin.

„Diese Krise wird die Sozialarbeit noch einige Jahre beschäftigen“

Michael Hogl, Leiter des Jugendzentrums Steppenwolf, sieht junge Menschen ebenfalls als große Verlierer der Krise. Ihre Perspektivlosigkeit steige, was zu Demotivation und Desinteresse führe. Außerdem wachse die Suizidgefahr unter Jugendlichen. Einige seien akut von Obdachlosigkeit betroffen. „Das wird die Sozialarbeit noch einige Jahre beschäftigen“, kündigt Hogl an. Auch Hogls Kollegin Julia Zauchinger von Nordrand Mobile Jugendarbeit beobachtet bei den Jugendlichen Frustration, Vereinsamung und Angst, was Praktika und Berufschancen angeht.

Dass Kinder und Jugendliche in schwierigen Zeiten exponiert und körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt sind, zeigt der Anstieg der Gefährdungsmeldungen sowie der Betretungs- und Annäherungsverbote. 160 sprachen die Beamten des Bezirkspolizeikommandos im Vorjahr aus. „Wir möchten Menschen, die von Gewalt im privaten Bereich betroffen sind, ermutigen, die Polizei zu verständigen“, macht Polizeisprecher Johann Baumschlager jenen Mut, die unter Gewalt leiden.

„Bei uns war es nach jedem Lockdown ähnlich“

Unterstützung gibt es im Frauenhaus. 15 Frauen und 20 Kinder wohnen derzeit dort. „Bei uns war es nach jedem Lockdown ähnlich“, weiß Frauenhausleiterin Olinda Albertoni. Sobald es Lockerungen gab, suchten Frauen Hilfe. „Wir gehen davon aus, dass die Frauen während des Lockdowns zu sehr unter der Kontrolle des Täters standen“, sagt Albertoni. Auch die Angst, sich im Frauenhaus zu infizieren, sei da. Weil aber alle Frauen ihr eigenes Zimmer haben, sehr auf Hygiene achten und gemeinsames Kochen und Essen derzeit nicht möglich sei, habe es erst einen Krankheitsfall gegeben. „Wir wollen die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich halten“, so Albertoni.