Franz Inreiter: 72 Jahre Journalismus im Rückblick. Journalisten-Urgestein Franz Inreiter über Journalismus, St. Pölten und Ungarn-Krise.

Von Daniel Lohninger. Erstellt am 18. Juli 2021 (04:34)
Franz Inreiter (r.) im Gespräch mit NÖN-Chefredakteur Daniel Lohninger: „Besser wäre es, wenn sich die Journalisten manchmal etwas mehr Zeit für Recherche nehmen – auch auf die Gefahr hin, nur Zweitschnellster zu sein.“
Max Steiner

Franz Inreiter feierte diese Tage seinen 90. Geburtstag. Der Jubilar prägte jahrzehntelang als Chefredakteur-Stellvertreter und Chef vom Dienst der NÖN sowie später als Gründer und Chefredakteur der LHZ den Journalismus in St. Pölten und Niederösterreich. Im NÖN-Interview blickt er zurück.

NÖN: Sie haben 1949 bei der St.Pöltner Zeitung unter Chefredakteur Emil Portisch begonnen. Wie waren die Anfänge?
Franz Inreiter: Das Pressehaus war damals noch in der Linzer Straße und ich habe im Expedit begonnen. Das hieß meistens in der Nacht arbeiten, Zeitungen einschleifen, Pakete binden, und wenn sie fertig waren, mit dem Handwagen die Zeitungen zur Post zu bringen. Nebenbei habe ich begonnen, Sportberichte zu schreiben. Wir haben dann damit begonnen, regelmäßig über alle Vereine in der Stadt zu berichten – und nicht wie vorher nur über ein paar. Die Auflage ist innerhalb kurzer Zeit um 900 Exemplare gestiegen. Manche hat es gestört, dass wir auch über „rote“ Vereine berichtet haben. Der damalige Herausgeber Eduard Wancura hat das stets so kommentiert: „Der rote Schilling stinkt genauso wenig wie der schwarze.“

Vor 56 Jahren wurden die Lokalzeitungen des Pressvereins zu den Niederösterreichischen Nachrichten (NÖN). Wie verlief dieser Prozess in St. Pölten?
 Ich war damals Chef vom Dienst der St. Pöltner Zeitung, Hans Ströbitzer war Chefredakteur. Die Vision war, aus einer Vielzahl an Lokalblättern ein landesweit führendes Medium zu machen. Ströbitzer hat die NÖN nach außen hin vertreten – er hat unheimlich viele Prominente gekannt. Ich war zuständig für die Redakteure in den Lokalredaktionen und die Redaktion in St. Pölten.

Wie war der Journalismus damals im Vergleich zu heute?
Der Journalismus damals war viel gründlicher. Es kam nie nur eine Seite zu Wort, sondern immer beide. Das ist heute in vielen Medien anders, weil es darum geht, der Erste zu sein, der etwas schreibt. Der Zeitdruck, unter dem Journalisten heute stehen, ist enorm. Wir hatten keinen Zeitdruck. Besser wäre es, wenn sich die Journalisten manchmal etwas mehr Zeit für Recherche nehmen – auch auf die Gefahr hin, nur Zweitschnellster zu sein, dafür aber die richtige Geschichte zu haben. Schlechter geworden ist leider auch die Qualität und Präzision der Sprache – aber das ist ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen.

Der Journalismus damals war viel gründlicher. Es kam nie nur eine Seite zu Wort, sondern immer beide

Welche Geschichte ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Das war 1956 die Revolution in Ungarn. Die St. Pöltner Zeitung rief damals zu einer Medikamentensammlung auf. Ich habe die Medikamente dann nach Budapest in die österreichische Botschaft gebracht. Wir kamen in einen Angriff der Russen und waren zwei Tage lang in der Botschaft eingesperrt. Nachdem wir dann endlich Budapest verlassen konnten, wurden wir auf dem Heimweg in Hegyeshalom von einem Russen-Konvoi verhaftet. Ein paar Tage später standen wir in Györ vor einem Militärgericht. Der Vorwurf: Spionage, Waffenschmuggel und Faschismus. Der Vorsitzende hat mir erzählt, dass er im Krieg als Bahnhofkommandant in St. Pölten war. Am Urteil hat es nichts geändert: „Du noch einmal essen und dann kaputt“, hat er gesagt. Am nächsten Tag wurde dann einer nach dem anderen aufgerufen – aber wir wurden nicht hingerichtet, sondern in einem Lkw zurück nach Österreich gebracht. Wie sich später herausgestellt hat, dürfte Bischof Franz Žak hier seine Kontakte spielen haben lassen. Als ich dann zu Hause angekommen bin, war es das erste Mal, dass ich meinen Vater mit Tränen in den Augen gesehen habe.

St. Pölten hat sich in allen Bereichen enorm positiv entwickelt

Wie beurteilen Sie die Entwicklung St. Pöltens seit 1949 von der Arbeiterstadt zum Wirtschafts- und Verwaltungszentrum?
St. Pölten hat sich in allen Bereichen enorm positiv entwickelt – besser, als man es auch nach der Hauptstadtwerdung 1986 erwarten konnte. Ich bin kein Sozialdemokrat, aber da muss ich der SPÖ und ihren Bürgermeistern wirklich ein Kompliment machen. Im Detail gibt es aber noch einige Defizite. So hat man bei der ganzen Entwicklung auf die Autofahrer etwa vergessen – in der Innenstadt gibt es kaum mehr Oberflächenparkplätze. Und es gibt Geschäfte und Gasthäuser, die nur über hohe Stufen erreichbar sind. Es fehlt dort der Handlauf, behinderte Senioren tun sich schwer, diese Lokale zu besuchen.