„St. Pölten hat sich gewaltig verändert“. Anfang Juli feiert Bürgermeister Matthias Stadler sein 10-jähriges Amtsjubiläum. In der NÖN zieht er Bilanz und blickt in die Zukunft.

Von Daniel Lohninger und Mario Kern. Erstellt am 17. Juni 2014 (07:01)
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Bürgermeister Matthias Stadler im neuen Kindergarten in St. Georgen im Gespräch mit NÖN-Chef vom Dienst Daniel Lohninger und NÖN-Zweigstellenleiter-Stellvertreter Mario Kern. Foto: mss/Martin Koutny

NÖN: Als Sie vor zehn Jahren gewählt wurden, haben Sie sich das Amt als Bürgermeister so vorgestellt wie es jetzt ist?
Matthias Stadler: Ich wusste, dass es eine gewaltige Herausforderung sein wird, diese Stadt zu führen. Ich habe 10 bis 15 Termine pro Tag – dementsprechend schnell vergeht die Zeit. Ich glaube, dass aber jeder sieht, dass in dieser Stadt viel weitergegangen ist und sich St. Pölten gewaltig verändert hat.

„Heute ziehen viele Menschen aus Wien wieder zurück nach St. Pölten“

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Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Das Image der Stadt hat sich spürbar verbessert. St. Pölten hat heute den Ruf einer Stadt mit hoher Lebens- und Wohnqualität, großem Freizeitangebot und einer prosperierenden Wirtschaft. Positiv sehe ich auch die Entwicklung der Innenstadt – die Leerstandsrate ist deutlich gesunken. Heute ziehen viele Menschen aus Wien wieder zurück nach St. Pölten. Und wir haben Millionen investiert in Kindergärten – es sind alleine 27 neue Kindergartengruppen in den vergangenen zehn Jahren entstanden – und Schulen. Nicht zu vergessen auf den Lup, der aus der Stadt nicht mehr wegzudenken ist.

Negative Entwicklungen gibt es aber auch – oder?
Seit 2004 gab es enorme Veränderungen in der Arbeitswelt – die treffen uns in St. Pölten natürlich genauso. Durch die gute Zusammenarbeit von Stadt und Wirtschaft konnten aber Arbeitsplatz-Verluste mehr als kompensiert werden. Heute gibt es über 54.000 Arbeitsplätze in St. Pölten – mehr als je zuvor.

War die Glanzstoff-Schließung im Nachhinein gesehen ein Glücksfall für die Stadt?
Wenn Arbeitsplätze verloren gehen, dann kann das nie ein Glücksfall sein. Fakt ist aber auch, dass jedes Problem auch eine Chance bietet. Und das Glanzstoff-Areal ist so eine Chance. Hier wird sich in Zukunft ein neuer Stadtteil mit 1.500 Wohnungen entwickeln.

„In der Politik sollten Sachfragen im Vordergrund stehen“

Stimmt es, dass heute in St. Pölten aufgrund des guten Verhältnisses zum Land viel möglich ist, das unter Willi Gruber nicht möglich war?
Es war sicher der richtige Schritt, auf das Land zuzugehen. Mir geht es immer um die Stadt und deren Weiterentwicklung – und als Landeshauptstadt haben wir natürlich viele Überschneidungen mit dem Land.

Leidet dieses Verhältnis unter Ihrer neuen Funktion als SPÖ-Landesvorsitzender?
Nein. In der Politik sollten Sachfragen im Vordergrund stehen – und das tun sie im Verhältnis Stadt zu Land auf beiden Seiten. Die gröberen Meinungsverschiedenheiten, die Erwin Pröll und ich in all’ den Jahren hatten, sind auf einer Hand abzuzählen.

„Ich werde 2016 wieder kandidieren. Wenn mich die St. Pöltner wählen, dann bleibe ich auch Bürgermeister.“
Matthias Stadler, Bürgermeister

Sie wurden zuletzt als Minister gehandelt, sind immer wieder für Landesfunktionen im Gespräch. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in zehn Jahren noch Bürgermeister sind?
Wenn ich gewollt hätte, hätte ich schon öfter in die Bundespolitik oder in die Landesregierung wechseln können. Aber: Bürgermeister zu sein, macht mir enorm Spaß. Man ist nahe bei den Menschen, erhält viele Rückmeldungen und kann im eigenen Umfeld viel bewegen. Sofern die Gesundheit mitspielt, werde ich also 2016 wieder als Bürgermeister kandidieren. Und wenn mich die St. Pöltnerinnen und St. Pöltner wählen, dann bleibe ich gerne auch danach Bürgermeister.

Die Kritik der Opposition an Ihnen wurde zuletzt lauter. Wie hat sich Ihr Verhältnis zu den anderen Fraktionen verändert?
Das Verhältnis hängt stark von den handelnden Personen ab. Meine Tür ist immer offen, das wissen alle. Fakt ist, dass bei der Opposition in den vergangenen zehn Jahren kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Die Grünen haben sich völlig neu formiert, Hermann Nonner hat die Partei gewechselt, die VP stellt bereits den dritten Vizebürgermeister in meiner Amtszeit. Alle drei VP-Vizebürgermeistern hatten übrigens unterschiedliche Herangehensweisen und ebenso unterschiedliche Handschlagqualität.

„Wir haben viel Fläche und damit großes Potenzial“

Was sehen Sie als die größten Herausforderungen für die Stadtpolitik in den nächsten zehn Jahren?
Die Stadt wird wachsen – sowohl was die Einwohneranzahl angeht als auch, was die Arbeitsplätze betrifft. Die große Herausforderung wird es sein, die gute Lebens- und Wohnqualität trotz dieses Wachstumsprozesses zu erhalten. Unser Vorteil ist, dass wir viel Fläche haben und damit großes Potenzial. Wir werden neue Stadtteile entwickeln, wir müssen durch verantwortungsvolle Grundankaufs-Politik dafür Sorge tragen, dass Wohnungen und Grundstücke auch in Zukunft leistbar sind – und wir müssen auch bewusst Grünräume erhalten. Gerade deshalb ist mir auch der Ankauf des TÜPL Völtendorf so wichtig.

Sie versichern, dass Völtendorf zum Naherholungsgebiet wird?
Ja. Denn der Süden der Stadt wächst, St. Georgen und Spratzern wachsen zusammen und wir haben hier kein Naherholungsgebiet wie das Seengebiet im Norden. Bei all dem Wachstum müssen wir darauf achten, dass St. Pölten auch künftig eine lebenswerte Stadt bleiben soll. Zugleich müssen wir uns auch den demografischen Entwicklungen anpassen und beispielsweise mehr Pflegeeinrichtungen, noch mehr Betreutes Wohnen schaffen sowie Angebote für die Pflege zuhause forcieren.