Grätzl-Visionär Aichberger:„Chance für Straße ist groß“. Sanierungsexperte Andreas Aichberger im NÖN-Gespräch über seine Arbeit in Wien und St. Pölten.

Von Mario Kern. Erstellt am 14. Juli 2017 (06:10)
NOEN, Mario Kern
Andreas Aichberger hat sich mit seinem Team auf Blocksanierungen spezialisiert.

Mit dem Grätzlplan für die Linzer Straße leitet Andreas Aichberger nach drei Projekten in Wien – zuletzt das Sanierungskonzept Sechshaus im 15. Bezirk – seine vierte Block-Sanierung. Die NÖN bat den St. Pöltner Architekten zum Gespräch.

NÖN: Wie unterscheidet sich eine Blocksanierung in St. Pölten von einer solchen in Wien?
Andreas Aichberger: In der historischen Bausubstanz unterscheidet sich grundsätzlich nichts. In Wien ist aber im Unterschied zu St. Pölten die Bausicherheit hinsichtlich der Erdbeben-Gefahr häufiger ein Thema. Bei einem sechs- oder siebenstöckigen Gebäude aus der Gründerzeit ist der Einfluss viel größer als in St. Pölten mit maximal drei, vier Geschoßen.

Wie sind die rechtlichen Unterschiede gelagert?
Zum einen gibt es zwei ganz unterschiedliche Bauordnungen. In Niederösterreich bringt die Regelung einen Nachteil, dass beim Dachgeschoß-Ausbau in jeder Bauklasse nur ein zusätzliches Geschoß eingebaut werden darf, auch wenn die baurechtlich mögliche Kubatur sogar ein weiteres Geschoß zulassen würde. Wenn ich ein Dachgeschoß ausbauen könnte, darf ich also keine zweite Ebene mehr einziehen. Das heißt, ich muss auf Maisonetten verzichten, die allerdings sehr attraktiv wären. Ich glaube, dass das vom Gesetzgeber innerstädtisch nicht so gewollt war. Ich arbeite im Team der Architektenkammer, das versuchen möchte, hier mit dem Land eine Lösung zu finden und den Interpretationsspielraum auszuloten.

„Wir hätten für jeden einzeln eine tolle Lösung schaffen können – das hätte aber anderen Nachteile eingebracht.“ Andreas Aichberger

Was bringt ein Dachgeschoß- Ausbau im Detail?
 Wenn ich als Besitzer ein Miethaus mit leistbaren Wohnungen habe, könnte ich das Dachgeschoß marktorientiert vermieten. Das bringt dem ganzen Haus etwas: Ich muss einen Lift einbauen und schaffe damit für alle Geschoße eine barrierefreie Verbindung. Ich muss den Brandschutz erhöhen, was die Gebäudesicherheit weiter anhebt. Ich könnte auch hofseitig Balkone errichten und dadurch das Objekt attraktivieren.

Sie beschreiben das Wohnhaus in der Linzer Straße 10-12, für das Sie ein Konzept erarbeitet haben?
 Ja. Das ist die Standard-Chance, die man hier nutzen kann. Einerseits ist der Ausbau des Dachgeschoßes in der Linzer Straße eben ein Vorteil für das Haus, andererseits für die öffentliche Hand: Sie braucht nämlich für die zusätzlichen Wohnungen keine neue Infrastruktur herzustellen.

Wie wird ein Ausbau gefördert?
 In Wien werden Dachgeschoß-Ausbauten zur Gänze mitgefördert. Wenn in Niederösterreich mehr als 20 Prozent der Nutzfläche hinzukommen, müssen laut Förderungsregelung die oberen Wohnungen verkauft werden. Das macht ein Eigentümer eher selten. In der Linzer Straße 10-12 konnte hier von uns gerade noch ein anderer Lösungsweg aufgezeigt werden.

Zum Grätzlplan: Wie ist der Konsens zwischen den Liegenschaftseigentümern gelungen?
Die Begegnungszone für den Straßenraum löste anfangs natürlich Diskussionen aus. Wir hätten für jeden einzeln eine tolle Lösung für seine Bedürfnisse schaffen können – das hätte aber anderen massive Nachteile eingebracht. Das leuchtete allen ein. Die Straße wird ja nicht verkehrsfrei, gerade der Ausgang der Mary-Ward-Volksschule in die Linzer Straße schafft Frequenz für die Geschäfte. Die individuellen Probleme konnten wir gut besprechen, auch was Förderungen für Sanierungen betrifft. Klarerweise sind Investitionen für Liegenschaftseigentümer nicht nur eine Chance, sondern auch ein Risiko. Wenn aber einmal die ersten Projekte umgesetzt sind, wird es sicher zu einem Domino-Effekt kommen.

"Ich sehe die Linzer Straße als guten Mix aus Geschäften, Gastronomie und Know-how-Anbietern"

Sie prophezeien dem Straßenzug eine rosige Zukunft?
Die Blocksanierung in St. Pölten ist sicher auf einer Ebene mit der im 15. Bezirk. Da hat sich die Situation – mit ähnlichen Problemen wie hier – in absehbarer Zeit verbessert. Ich sehe die Linzer Straße als guten Mix aus Geschäften, Gastronomie und Know-how-Anbietern wie etwa Immobilienfachleuten, Architekten und Steuerberatern. Die Chance ist groß, dass hier wieder ein sehr hochwertiger Bereich in St. Pölten entsteht.