Erstellt am 03. Februar 2014, 10:29

von Daniel Lohninger

St. Pöltner schossen auf St. Pöltner. ST. PÖLTEN | Vor 80 Jahren starben Arbeiter bei Gefechten in der „roten Traisenstadt“. 400 Schutzbündler wurden verhaftet.

Viktor Rauchenberger und Johann Hoiss wurden am 16. Februar 1934 in St. Pölten standrechtlich zum Tod verurteilt. Die Arbeiterschaft erinnerte mit diesem Flugblatt an das Schicksal der beiden.  |  NOEN, Stadtarchiv St. Pölten
Von Daniel Lohninger

80 Jahre ist es her, dass Österreicher auf Österreicher schossen. Größter Schauplatz der „Februarkämpfe“ in Niederösterreich war St. Pölten. Binnen weniger Stunden hatte sich die Nachricht vom gewaltsamen Widerstand des Linzer Schutzbundes gegen die Räumung eines Waffenlagers am 12. Februar 1934 nach St. Pölten durchgesprochen. Die Arbeiter bei Voith, Glanzstoff und Schüller traten in den Streik – der erhoffte Generalstreik blieb aber auch in St. Pölten aus.

In den Abendstunden rückte das Bundesheer an

Bereits gegen 17 Uhr wurden die sozialdemokratischen Führer der Stadt verhaftet. Nur Vizebürgermeister Ferdinand Strasser entkam und versuchte, den Schutzbund zu mobilisieren. Viel half das nicht mehr. Stunden später schienen Heimwehr und Gendarmerie alles unter Kontrolle zu haben. Arbeiterheim, Metallarbeiter-Verbandssekretariat, Vorwärts-Verlag und Kinderfreundeheim waren besetzt, in den Abendstunden rückte das Bundesheer an.

x  |  NOEN, Stadtmuseum
Der schlecht ausgerüstete Schutzbund versuchte zwar den einen oder anderen Angriff – beispielsweise beim Alpenbahnhof und beim städtischen E-Werk, musste aber rasch wieder erfolglos abziehen. Am Abend des 14. Februar war die Lage in St. Pölten aus Sicht des Dollfuß-Regimes weitgehend unter Kontrolle, etwa 400 Schutzbündler wurden verhaftet und unter anderem im Harlander Amtshaus interniert.
Wie viele Schutzbündler gefallen sind, ist auch heute noch nicht klar: Siegfried Nasko dokumentiert einen Gefallenen beim Stadtwald, zwei weitere bei Feuergefechten auf der Traisenbrücke und den toten Schutzbundführer Kaschmutter im Südosten der Stadt. Mit den letzten Feuergefechten am Frachtenbahnhof endeten am 16. Februar die Kämpfe.

Schutzbündler zum Tode veruteilt

Ein besonders tragisches Ende fanden Viktor Rauchenberger und Johann Hoiss. Die beiden wurden am 16. Februar gehenkt. Sie waren von einem Standgericht des Mordes am Heimatschutz-Kommandanten aus Rohrbach an der Gölsen, Johann Lindner, für schuldig befunden worden.
Politische Folge war, dass allen Sozialdemokraten im Rathaus ihre Mandate aberkannt wurden und Bürgermeister Stephan Buger des Amtes enthoben wurde. Mit Heinrich Raab – dem Bruder des späteren Bundeskanzlers Julius Raab – wurde erstmals in der Geschichte St. Pöltens ein bürgerlicher Politiker zum Bürgermeister. Gewählt wurde er aber nicht in diese Funktion. Er wurde von der Landesregierung zum Verwalter ernannt und blieb das bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten.

x  |  NOEN, Stadtarchiv St. Pölten
„Man muss Raab zugestehen, dass er zumindest versucht hat, die Gräben zu überbrücken und sich um einen Ausgleich mit der mehrheitlich sozialdemokratischen Wählerschaft der Stadt zu bemühen“, so Historiker Thomas Lösch. So behielten alle Magistratsbediensteten ihre Jobs, Raab startete auch Spendenaufrufe für Arbeiterfamilien. Die andere Seite ist, dass hunderte Sozialdemokraten in Lager und Gefängnisse gesperrt wurden, die Demokratie völlig ausgeschaltet und so auch der Widerstand gegen den Nationalsozialismus dezimiert wurde. „Der Hauptfeind war damals die illegale Arbeiterbewegung, gegenüber den Nazis blieb man nachlässig“, so Lösch.

Stadler und Adl bei der Beurteilung einig

In der Beurteilung der „Februar-Kämpfe“ sind sich SPÖ und ÖVP heute weitgehend einig. Bürgermeister Matthias Stadler (SPÖ) sieht die Ereignisse als „verzweifelten Versuch, mit gänzlich ungeeigneten Mitteln gegen die Ausschaltung des Parlaments und gegen die Einschränkung grundlegender demokratischer Rechte zu protestieren“. Vizebürgermeister Matthias Adl (ÖVP) sieht die standrechtlichen Todesurteile als Zeichen der „Verfehlungen der politischen Führung in dieser Zeit“. Und weiter: „Wir grenzen uns davon klar ab. Es gibt diesen demokratischen Bruch, es gibt aber auch Kontinuität.“

Durch den Namen Österreichische Volkspartei und ein neues Programm habe die ÖVP mit der autoritären Parteilinie von Dollfuß gebrochen. Adl: „Am autoritären System gibt es nichts zu beschönigen. Viele in dieser Zeit aktive Politiker waren jedoch innerlich zerrissen und hatten eine starke Österreich-Gesinnung mit dem Ziel, das Naziregime zu stoppen.“
Die Lehre aus den Ereignissen von 1934 ist für Stadler und Adl gleich: Zusammenarbeit auf breiter Basis ist auch heute notwendig, um gefährliche politische Entwicklungen zu stoppen.