"Wir können neue Kräfte in uns entdecken". Die St. Pöltner Arbeitspsychologin Michaela Stockinger spricht über ihre herausfordernde Tätigkeit und verrät, wie sie ihren Klienten Zuversicht in schwierigen Zeiten vermittelt.

Von Beate Steiner. Erstellt am 10. April 2020 (13:39)
Michaela Stockinger betreut ihre Klienten derzeit telefonisch oder per Video-Chat.
fotografundfee

NÖN: Schlüsselkräfte wie Mitarbeiter in Krisenstäben, von Telekommunikationsunternehmen, öffentlichen Verkehrsmitteln und viele mehr sind derzeit besonderem Stress ausgesetzt. Wie erleben Sie als Arbeitspsychologin diese Situation?

Michaela Stockinger: Als sehr belastend natürlich, aber für viele ist es schon erleichternd wenn sie telefonisch von mir und meinen Kolleginnen Unterstützung bekommen und sich ihre Ängste, Sorgen und Probleme beim Profi von der Seele reden können. Denn viele sagen, dass sie diese Probleme und Ängste daheim nicht thematisieren wollen, da die Familie schon mit genug Herausforderungen zu kämpfen hat.

Wie nehmen Sie Kontakt mit Ihren Klienten auf?

Stockinger: Wir sind telefonisch oder per Video-Chat für unsere Klienten zu den normalen Bürozeiten da, dies wird auch in den Unternehmen so kommuniziert. Wir haben für einige „Hotlines während der Corona-Pandemie“ eingerichtet. Wir sind ein Team von Arbeitspsychologinnen, Klinische und Gesundheitspsychologinnen sowie Psychotherapeutinnen.

Viele haben Angst zu erkranken. Kann man diese Angst entschärfen?

Stockinger: Wichtig ist sicherlich, dass für Berufe, die mit Kunden in Kontakt sind, ausreichend Schutzkleidung und andere Schutzmaßnahmen vorhanden sind. Wie stark sich der Sorgendruck auf die Arbeit auswirkt, hängt immer davon ab, welche Aufgabe man zu erledigen hat. Daher sind auch Ablenkung wie Musik hören, Garteln, Spazieren gehen und ein Gedankenstopp wichtig. Bei dieser verhaltenstherapeutischen Maßnahme stellt man sich das Wort Stopp bildlich vor oder man fotografiert ein Stopp-Schild und hat es am Handy parat. Das hilft, um negative Gedanken und Ängste zu unterbrechen und ganz bewusst auf die eigentliche Tätigkeit zurück zu kommen. Solche Techniken muss man allerdings üben, sie helfen aber gut. Und ich rate zu einem moderaten Medienkonsum, bewusst und gezielt, aber etwas Humorvolles sollte auch mal am Programm stehen. 

Andere sind verzweifelt, weil ihre wirtschaftliche Situation ausweglos scheint. Wie stärken Sie die Zuversicht dieser Menschen?

Stockinger: Besonders bei den Selbstständigen ist nun teilweise Resignation und Verzweiflung zu orten. Wir rufen die persönlichen Stärken der Leute in den Gesprächen wieder ab. Innere Ressourcen sind alles, was sie an positiven Erfahrungen in ihrem Leben gemacht haben, alle Probleme, die sie schon überwunden und gelöst haben. Alle Stärken und Talente, alles was an Fähigkeiten, Neigungen vorhanden ist, soll abgerufen und wieder ins Gedächtnis gerufen werden,. Das sind Kraftquellen und müssen nun wieder aktiviert werden. Wir können alle neue Kräfte in uns entdecken, nachdem wir den schlimmsten Schock verdaut haben. Wie sagt Pippi Langstrumpf zu ihren Freunden, als der Sturm immer stärker wird: Der Sturm wird stärker, aber ich auch! Also, positiv denken und zwar im täglichen Denken, Reden und Handeln. Das bedeutet nicht, dass wir die Situation verharmlosen, wir suchen nach positiven Aspekten der Handlungsmöglichkeiten – raus aus dem Tunneldenken. Bewährt hat sich auch ein Krisen-Tagebuch zu führen, den Tag zu reflektieren und ein, zwei positive Momente festzuhalten und damit unsere Leistungen des Tages zu würdigen. 

Psychische Gesundheit ist wichtig, um nicht physisch zu erkranken. Haben Sie Tipps wie Isolation, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Home-Office mit der Familie am besten bewältigt werden?

Stockinger: Klare Arbeits – und Freizeiten für die ganze Familie sind sehr sinnvoll. Auch die Arbeitsbedingungen, wer wo arbeitet und wo die Freiräume sind, tragen zur Strukturierung des Alltags bei. Pausen sind ebenfalls wichtig, eine gesunde Ernährung ebenso. Gespräche über die aktuelle Gefühlslage sollen helfen, sich anbahnende Konflikte oder Lagerkoller zu vermeiden. Nach der Arbeit und der Schule sollte Zeit für Freiräume, digitale Freundschaften und Spiele sein, Bewegung ist immer ein tolles Mittel für den mentalen Ausgleich und beugt nachweislich auch Depressionen vor. Es muss kein Marathon sein, ein Spaziergang oder Radausflug in die Natur belebt die Sinne. Das schöne und sonnige Wetter kommt uns da Gottseidank entgegen, auch das Sonnenvitamin D hilft, wieder auf positive Gedanken zu kommen.

Was können Arbeitgeber tun, um ihren Mitarbeitern die Situation zu erleichtern?

Stockinger: Klare Anweisungen und rasches Feedback sollten auf der Tagesordnung stehen, ebenso viel Wertschätzung und Empathie für die Situation der MitarbeiterInnen. Gemeinsame Zeitpläne und die Erreichbarkeit sollten festlegt sein, die Rund-um-die Uhr-Bereitschaft laugt viel zu sehr aus. Verständnis der Führungskräfte für die Betreuungssituationen der MitarbeiterInnen sollte ebenso selbstverständlich sein wie das Vertrauen, dass die Arbeit im Home-Office genauso gut erledigt wird. Und das Zusammengehörigkeitsgefühl sollte durch positive Ermunterung bestärkt werden. Durch die vielen Klienten-Gespräche bin ich aber hoffnungsvoll, dass wir gestärkt aus der Pandemie hervorgehen und dass wir ArbeitspsychologInnen dafür einen wertvollen Beitrag leisten. Mit mehr individuellen und gemeinschaftlichen Ressourcen und mehr Zusammengehörigkeitsgefühl.