St. Pöltner Straßennamen: Denkmäler aus Blech

Erstellt am 18. Juni 2022 | 04:07
Lesezeit: 3 Min
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Die beiden Straßennamen in St. Georgen erinnern an einen früheren Pfarrer und Ehrenbürger Dechant Leopold Fochler und den Volksschul-Leiter Alois Krumböck, der während dem Ersten Weltkrieg eine Chronik verfasste.
Foto: Lukas Kalteis
Straßennamen sollen die Orientierung erleichtern, aber Andenken bewahren. Sie sind Ausdruck der Erinnerungskultur, die sich über die Zeit stetig verändert. Von „Kremsergasse“ bis zum früheren „Breiten Markt“: Eine Spurensuche.
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Foto: NOEN

Namen von Straßen sind als Orientierungshilfen in Städten nicht mehr wegzudenken. Die Bezeichnungen reichen von einfachen Ortshinweisen über Ereignisse bis hin zu Persönlichkeiten, die auf diese Weise in Erinnerung bleiben sollen. Somit sind die über tausend St. Pöltner Straßennamen Teil einer „blechgewordener“ Geschichte, die viel über die jeweilige Zeit verrät.

Im Mittelalter war noch keine Rede von Straßennamen. Die Menschen, überwiegend Analphabeten, orientierten sich an Häuserzeichen und der Einteilung in Leder-, Markt-, Holz-, und Kloster-Viertel.

Die Bezeichnung „Kremsergasse“ taucht beispielsweise erst 1474 an der Schwelle zur Neuzeit erstmals in Schriftquellen auf. Zur besseren Verwaltung wurden zur Zeit Maria Theresias schließlich einheitliche Hausnummern eingeführt, wie wir sie heute kennen. Fortan mussten sogenannte Konskriptionsnummern, die an den Fassaden befestigt werden.

Schilder sind Ausdruck gemeinsamer Erinnerung

Die gemeinsame Erinnerung und die Deutung der Vergangenheit ändert sich immer wieder im Laufe der Zeit. Straßenbenennungen sind daher immer auch ein Spiegel der jeweiligen Politik, was folgendes Beispiel zeigt: Der Platz vor dem St. Pöltner Rathaus war den Altvorderen jahrhundertelang als „Breiter Markt“ bekannt.

1876 wurde er zum „Rathausplatz“, doch diese Bezeichnung hielt sich nicht durchgehend. 1938 benannte ihn das NS-Regime nach Adolf Hitler, bevor die sowjetischen Besatzer das Gelände „Marschallplatz“, nach dem Oberbefehlshaber Iwan Konew, tauften. Erst nach 1955 hieß die Örtlichkeit wieder „Rathausplatz“.

Wie in der Geschichtsschreibung wurden auch bei den Straßennamen fast ausschließlich Männer berücksichtigt, weshalb nur ein Bruchteil der über tausend Namen auf besondere Töchter der Stadt hinweist.

Um auch die Verdienste von Frauen zu würdigen, taufte die Stadt 2019 einen Teil der Prandtauerstraße „Frauenplatz“. Damit gibt es nun auch ein Pendant zum „Herrenplatz“, der allerdings nicht auf das männliche Geschlecht, sondern auf das Haus der früheren Stadtherren hinweist.

Besonders Straßen, die nach Menschen mit NS-Nähe benannt wurden, sind heute umstritten. 2007 wurde die Wilhelm-Fraß-Gasse wegen der NS-Begeisterung des Bildhauers in Johann-Schindele-Gasse, nach einem St. Pöltner Politiker, umbenannt. Mittlerweile gibt es aber eine Tendenz zur Entpolitisierung der Namen.

„Heute nimmt man lieber einen Ligusterweg, um spätere Diskussionen über Biografien zu vermeiden“, sagte der 2021 verstorbene Schriftsteller Manfred Wieninger, der den St. Pöltnern ein Buch über die Geschichte der Straßennamen in der Stadt hinterließ:

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