Wilhelmsburg: Laufen reduziert Mitarbeiterstand radikal. Der Sanitärkeramikhersteller Laufen Austria AG wird die Produktion in Wilhelmsburg (Bezirk St. Pölten) im zweiten Quartal 2020 einstellen. Damit verbunden ist nach Firmenangaben vom Mittwoch eine Reduktion des Personalstandes von 190 auf 60 in den kommenden Monaten.

Von APA, Redaktion und Redaktion noen.at. Update am 12. Februar 2020 (17:16)
Der Laufen-Standort in Wilhelmsburg
Laufen Österreich

Ein Teil der Produktion werde nach Gmunden in Oberösterreich, der Rest in angrenzende europäische Standorte verlagert. Einer Aussendung zufolge hat der Vorstand die Mitarbeiter am Mittwoch über die Restrukturierung informiert.

Preisdruck ließ Produktion sinken

Für die betroffenen Beschäftigten in der Produktion in Wilhelmsburg soll gemeinsam mit dem Betriebsrat ein Sozialplan ausgearbeitet werden. Das AMS-Frühwarnsystem werde Ende März aktiviert.

Die Produktion in Wilhelmsburg sei in den vergangenen Jahren aufgrund des Preisdrucks im In- und Ausland deutlich unter 50 Prozent der jährlichen Kapazitäten des Brennofens - etwa 450.000 Stück jährlich - gesunken, teilte die Laufen Austria AG mit. Mit weiter sinkender Auslastung sei die Aufrechterhaltung der Produktion am Standort wirtschaftlich wie ökologisch nicht mehr vertretbar.

Wilhelmsburg bleibt Österreich-Zentrale

Die Verwaltung sei nicht betroffen. Wilhelmsburg werde weiterhin als Österreich-Zentrale für die Laufen Austria AG fungieren. Entsprechend bleiben Unternehmensangaben zufolge Management, Verwaltung, Finanzen, Human Resources, IT, Lager und Logistik, Marketing und Vertrieb sowie technischer Kunden-Support und Training in der Stadtgemeinde im Bezirk St. Pölten bestehen.

Die Neuausrichtung der Unternehmensgruppe werde zu einer Stärkung des Produktionsstandortes von Laufen am oberösterreichischen Traunsee führen, hieß es in der Aussendung weiter. Als Innovationszentrum der gesamten Gruppe spiele Gmunden schon heute eine sehr wichtige Rolle im Konzern.

"Mit seiner Spezialisierung auf die patentierte Material-Innovation der SaphirKeramik steht Gmunden für völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten im Keramikbereich sowie hohe Handwerkskunst und Qualität." Die weltweite Nachfrage nach SaphirKeramik sei "ungebrochen hoch und wird weiter zulegen".

Die Produktionsstätte von Laufen in Wilhelmsburg hat laut der Firmen-Website "große Tradition". Bereits 1795 sei hier eine Fabrik für "englisches Steingut2 gegründet worden. Über Generationen habe sich das Know-how in Sachen Keramik "zur Meisterschaft in Bad-Keramik verdichtet".

Ab 1960 firmierte die Produktion gemeinsam mit dem Werk in Gmunden als Österreichische Sanitär-, Keramik- und Porzellan-Industrie Aktiengesellschaft (ÖSPAG). 1967 erwarb die Keramik Holding AG Laufen die Aktienmehrheit, 1999 stieß Laufen dann zur spanischen Roca-Gruppe."

Landesräte haben bereits Kontakt aufgenommen

„Der Schritt der Laufen Austria AG ist für den Standort in Wilhelmsburg mehr als bedauerlich, wir haben daher nach Bekanntgabe sofort Gespräche mit den Verantwortlichen des Unternehmens aufgenommen“, gaben Wirtschaftslandesrätin Petra Bohuslav und Arbeitsmarktlandesrat Martin Eichtinger am Mittwochnachmittag in einer Aussendung bekannt.

Im Gespräch mit den Verantwortlichen vor Ort sollen nun weitere Optionen ausgelotet werden, um für die betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eine tragfähige Lösung zu finden. Der vom Unternehmen angekündigte Sozialplan und die Vorabmeldung im Zuge des AMS-Frühwarnsystems sind bereits zwei ganz wesentliche Schritte. „Wir stehen im direkten Kontakt mit der Geschäftsführung“, betonten die Landesräte unisono.

Bürgermeister: „Unerwarteter Schlag in die Magengrube“

Auch die SPÖ-Vertreter meldeten sich noch am Mittwochnachmittag zu Wort. „Das ist ein unerwarteter Schlag in die Magengrube für MitarbeiterInnen und Gemeinde - ohne vorherige Information der Betroffenen und der Gemeinde“, betonte Wilhelmsburgs Bürgermeister Rudolf Ameisbichler.

Franz Schnabl, LH-Stv. und Landesparteivorsitzender der SPÖ NÖ, sowieo Landesgeschäftsführer Wolfgang Kocevar forderte in einer Aussendung von der Firma Laufen die volle Verantwortung zu übernehmen und entsprechend zu handeln: „Weit mehr als die Hälfte der Laufen-Produkte werden in Österreich verkauft. Nun sollen in diesem Traditionsunternehmen 130 MitarbeiterInnen gekündigt und die Produktion zu einem großen Teil ins Ausland verlagert werden. Da sind wohl die großzügige Klientelpolitik und die Steuerzuckerl für Konzerne durch den türkisen Konzernkanzler Kurz ins Leere gelaufen.“

Alle drei SPÖ-Politiker sprachen von einer „Katastrophe für Angestellte und Gemeinde“ und hielten fest: „Wir erwarten individuell abgestimmte Lösungen für die MitarbeiterInnen – es geht um 130 Familienschicksale. Da können die Verantwortlichen der Firma Laufen nicht zur Tagesordnung übergehen – hier sind ein umfassender Sozialplan und die Unterstützung bei der Jobsuche gefragt.“

SPÖ-Nationalratsabgeordneter Rudi Silvan stellte in Anbetracht der neuen Informationen in einer Aussendung eine Forderung die neue Regierung: „Sie sollte sich mehr um die Einführung und Stärkung geeigneter Jobprogramme bemühen. Hier denke ich z.B. an die von der SPÖ seinerzeit ins Leben gerufenen Aktion 20.000. Nur strengeren Vollzug beim Arbeitslosengeld zu fordern ist keine umfassende Lösung. Vor allem ältere Arbeitslose haben es überdurchschnittlich schwer einen neuen Job zu finden.“

Silvan ärgerte sich: „Erst im September habe ich ein Statement von Christian Schäfer, dem stellvertretenden Geschäftsführer der Firma Laufen gelesen, da wollte man noch das Österreich Geschäft ausbauen und nach Möglichkeit den Marktanteil halten. Das war zum 100-jährigen Jubiläum dieses NÖ Traditionsunternehmens und nun das. Betriebsrat und Gewerkschaft kämpfen nun vehement um einen fairen Sozialplan. Eines ist klar: den Mitarbeitern, sowie deren Familien und Kindern darf nicht von einem Tag auf den anderen die Existenzgrundlage genommen werden. Jeder kann sich ausmalen, wie düster die Stimmung heute Abend bei diesen 130 Familien in und um Wilhelmsburg sein wird..“

Auch wenn die Arbeitslosigkeit im Bezirk St. Pölten und St. Pölten Land im letzten Jahr leicht rückläufig gewesen wäre, sei es laut Silvan für keinen dieser Arbeiter ein leichtes Spiel, einen adäquaten Job mit gleicher Bezahlung zu finden. Denn: „Überall wo man mit einem Job neu beginnt, muss man sich klarerweise erst einmal beweisen. Wenn jetzt viele Personen in einer Region aus der gleichen Branche auf Jobsuche sind, wird es natürlich schwieriger für den Einzelnen.“