Grünen-Spitzenkandidatin: „Mandat ist realistisch“. Die NÖN setzt ihre Interview-Serie mit Grüne-Spitzenkandidatin Ulli Fischer fort. Sie spricht über Werdegang, Lokal-, Klima- und Umweltpolitik und Ziele.

Von Thomas Peischl. Erstellt am 13. September 2017 (04:29)
NOEN, Peischl
Ulli Fischer, Grüne Vizebürgermeisterin in St. Andrä-Wördern, will sich auch im Nationalrat für Umwelt- und Klimapolitik stark machen.

Am 15. Oktober wählt Österreich den Nationalrat neu. Vor dem Wahltermin bittet die NÖN die Spitzenkandidaten der bereits im Nationalrat vertretenen Listen zum Gespräch. In Teil 2 unserer Serie kommt Grüne-Spitzenkandidatin Ulli Fischer zu Wort.

NÖN: Sie sind Vizebürgermeisterin in St. Andrä-Wördern, ausgestattet mit fünf von 33 Mandaten. Ist es leicht in der sogenannten Jamaica-Koalition mit ÖVP (Anm: stellt den Bürgermeister) und Bürgerliste Themen der Grünen durchzusetzen?

„Mit 18 habe ich gedacht: ,Ich sammle ein paar Unterschriften und dann kann ich die Welt verändern.‘ So einfach war das natürlich nicht.“ Ulli Fischer

Ulli Fischer: Die Zusammenarbeit auf lokaler Ebene funktioniert sehr gut, wir haben dabei auch keine Konkurrenzsituation. Demnächst, am 16. September, veranstalten wir beispielsweise den Umwelttag, ein schönes Zusammenspiel mit Wirtschaft und Leuten vor Ort, bei dem sich alle Mitglieder des Umweltausschusses einbringen. Unsere Klima- und Energiemodellregion wird jetzt ausgezeichnet, wir haben Photovoltaik ausgebaut, eine Elektrotankstelle eröffnet und der wichtige Radweg an der B14 wächst.

Außerdem sind Sie Mutter von drei Kindern, arbeiten beim Verein für Konsumenteninformation und streben jetzt auch noch ein Nationalratsmandat an.

Fischer: Mit 18 habe ich gedacht: „Ich sammle ein paar Unterschriften und dann kann ich die Welt verändern.“ So einfach war das natürlich nicht. Ich habe rasch erkannt, dass man im Gemeinderat sitzen und einer politischen Bewegung angehören sollte. Also gründete ich Ende der 1990er-Jahre die Ortsgruppe der Grünen in St. Andrä-Wördern, 2000 zogen wir in den Gemeinderat ein, heute haben wir fünf Mandate. In dieser Zeit erkannte ich aber auch, dass es Dinge gibt, die überregional besser funktionieren müssten.

Sie sind Juristin, hat das auch damit zu tun?

Fischer: Schon während des Jus-Studiums hinterfragte ich immer wieder, ob Gesetze wirklich die Schwachen schützen: Steuergesetze, die bewirken, das Menschen, die viel arbeiten, trotzdem nicht das Auslangen finden. Bürgerrechte, die durch einen schlecht verhandelten EU-Beitritt zu stark eingeschränkt werden. Die unterschiedliche Besteuerung von Diesel und Benzin oder noch viel schlimmer Kerosin, trägt das zur Förderung regionaler Produktion bei?

Das klingt alles sehr idealistisch, vielleicht zu sehr?

Fischer: (lacht) Nein, das denke ich nicht. Ich bin mein ganzes Leben lang idealistisch, sonst würde ich das alles keinen einzigen Tag länger machen. Ich liebe die Menschen und die Menschheit und ich will, dass sie weiter besteht.

Bleiben wir bei Idealismus und Verkehr: Nur noch Elektro-Neuwagen ab 2030 klingt auch sehr ambitioniert.

Fischer: Ich will mich da nicht auf Einzelmaßnahmen versteifen, aber bis 2030 sollten wir die Energiewende schaffen. Wir müssen raus aus der fossilen Energie. Wir wissen, wie man nachhaltige Energie erzeugt und wir sollten sie nützen. Wenn wir Klimapolitik gut machen, sprich lokale Ressourcen nützen und keinen ausbeuterischen Kolonialismus mehr betreiben, bekommen wir auch die globale Ungerechtigkeit in den Griff und haben keine Flüchtlingsproblematik mehr.

Wenden wir uns dem Wahlkreis zu, was würden Sie in der Region umsetzen wollen?

Fischer: Unser Adeg-Markt verkocht oder verschenkt abgelaufene Lebensmittel. Das ist vorbildlich, hier könnte der Zentralraum oder besser ganz Niederösterreich eine Vorreiterrolle übernehmen. Genießbare Lebensmittel dürfen nicht mehr weggeschmissen werden. Was den öffentlichen Verkehr angeht, so würde ich mich für einen Viertelstunden-Takt auf der Franz-Josefs-Bahn über Kritzendorf hinaus stark machen.

Dazu brauchen Sie aber erst ein Mandat, wie geht die Wahl für die Grünen und Sie selbst aus?

Fischer: Vom Rausfallen aus dem Parlament bis zehn Prozent ist für uns alles möglich. Ein Mandat für mich ist nicht garantiert, aber realistisch möglich. Wobei es mich schon wundert, dass SPÖ und ÖVP, die es nicht geschafft haben, konstruktiv zusammenzuarbeiten und, die die Koalition aufgelöst haben, jetzt auf Sieger machen.

Noch ein Satz zur Konkurrenz oder konkret zur Liste Peter Pilz?

Fischer: Wer besseren Umwelt- und Klimaschutz nicht nur in Wahlkampfüberschriften lesen, sondern tatsächlich umgesetzt haben will, muss Grün wählen.

Haben Sie für den Wahlkampf noch etwas Spezielles geplant?

Fischer: Am Sonntag, 8. Oktober, laden wir um 9.30 Uhr zu einer Radtour von Bahnhof Tulln bis nach Klosterneuburg ein. Wir wollen uns die regionale Vielfalt in den einzelnen Ortschaften anschauen und bis zu unserer neuen Bezirksgrenze radeln.

In der nächsten Ausgabe kommt FPÖ-Spitzenkandidat Christian Hafenecker zu Wort.

NÖN/BVZ