Region St. Pölten: Gefahr lauert im Herbstnebel. Mindestens 2.360 Tiere kommen in der Region jährlich auf der Straße zu Tode. In St. Pölten häufen sich Unfälle am Stadtrand.

Von Kristina Veraszto und Gila Wohlmann. Erstellt am 14. Oktober 2020 (03:36)
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Ein Schatten in der Finsternis. Ein rasanter Tritt aufs Bremspedal, doch zu spät: Schwer verletzt liegt das Reh auf der Fahrbahn. Im Herbst beginnt und endet für viele die Autofahrt zum und vom Arbeitsplatz in der Dämmerung. Das Risiko, dabei mit einem Wildtier zu kollidieren, steigt erheblich.

„Mindestens 2.360 Wildtiere kommen pro Jahr im Bezirk und in der Stadt St. Pölten durch den Straßenverkehr zu Tode“, weiß Bezirksjägermeister Johannes Schiesser. Besonders betroffen seien Rehe (1.200 Stück), Niederwild, also Feldhasen, Fasane und Füchse (1.100 Stück), sowie Wildschweine (60 Stück).

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Einen speziellen Hotspot in der Region ortet Bezirkspolizeikommandant Gerhard Pichler nicht. „Die Dunkelziffer ist hoch, da Wildunfälle, die keinen oder nur geringen Schaden am Fahrzeug verursachen, oft nicht angezeigt werden“, erklärt Pichler. In Waldbereichen und sogenannten „Deckungsgebieten“, wie entlang von Maisfeldern, sei das Risiko, mit einem Wildtier zu kollidieren, weit höher. „Im Bereich St. Pölten, vor allem im Stadtgebiet, verzeichnen wir leider einen leichten Anstieg der Wildunfälle aufgrund der Zersiedelung und der Freizeitnutzung“, erklärt Bezirksjägermeister Schiesser. Die meisten Unfälle passieren am Stadtrand. Rehwild und Feldhasen seien besonders häufig involviert. Ein Vorfall, der dem Bezirksjägermeister in Erinnerung geblieben ist, ereignete sich 2019 auf der Westautobahn: Kurz nach der Raststätte St. Pölten sorgten in Fahrtrichtung Salzburg zehn Wildschweine für einen Unfall. Eine geringe Häufung von Wildunfällen im Pielachtal und nördlich der Landeshauptstadt stellt auch der ÖAMTC fest.

Um die Anzahl der Zusammenstöße zu reduzieren, kommen in vielen Revieren Wildwarngeräte zum Einsatz. In den Gebieten rund um Herzogenburg beispielsweise wurden im Rahmen des Projekts „Wild und Verkehr“ Wildwarnreflektoren installiert, die bereits zu einer Verminderung von Wildunfällen – vor allem mit Rehen – führten, weiß Schiesser. Zu einem deutlichen Rückgang kam es in der Gegend rund um Neulengbach und bei Purkersdorf, dort sei die Gesamtzahl der Wildunfälle mit Rehwild eher als gering einzustufen, sagt der Bezirksjägermeister.

Wer das Wild mitnimmt, macht sich strafbar

„Bei Tempo 100 hat ein 20-Kilo-Reh am Fahrzeug eine Wucht von 2.000 Kilogramm“, macht Bezirkspolizeikommandant Gerhard Pichler die Gefahr deutlich. Unfälle mit verletzten Lenkern seien dennoch die Ausnahme. Für das Tier hingegen endet der Zusammenstoß meist mit schweren Verletzungen oder tödlich. Anhalten, Unfallstelle absichern, die Polizei verständigen und auf deren Eintreffen warten: Das ist das korrekte Verhalten bei einem Wildunfall. „Wer das Tier mitnimmt, greift in fremdes Jagdrecht ein und macht sich strafbar“, sagt Pichler. Das Tier selbst erlösen ist ebenso verboten.

„Die größte Gefahr droht durch riskante Ausweichmanöver bei einem Wildwechsel“, warnt ÖAMTC-Sprecher Bertram Gross. Ein Crash mit dem Gegenverkehr oder ein Ausritt gegen einen Baum sei weit gefährlicher als die Kollision mit Wild. Blick nach vorne und zur Seite, Tempo reduzieren, Fernlicht abschalten und hupen: So lauten die ÖAMTC-Tipps zur Risikominimierung. Außerdem warnt der Verkehrsclub eindringlich vor nachfolgenden Tieren, die die Fahrbahn queren. Laut Bezirksjägermeister Johannes Schiesser bleibt den Tieren aber oft nichts anderes mehr übrig, als die Straßen zu benützen. Denn der Aus- und Neubau von Verkehrswegen erschwere dem Wild besonders den Wechsel zwischen Sommer- und Winterlebensraum.

Im Schnitt 2.500 Euro Schaden am Auto

Die Bearbeitung von Wildschäden ist Alltagsgeschäft bei den Versicherungen. Die Niederösterreichische Versicherung (NV) hat heuer bis Ende September bereits 1.519 Wildunfälle aufgenommen, im Vorjahr waren es insgesamt 1.988 Schadensmeldungen. Voraussetzung zur Bearbeitung ist eine Kaskoversicherung. „Bei Wildunfällen immer unabdingbar ist eine unverzügliche Meldung bei der Polizei“, erklärt Günter Chyba, Leiter der NV-Schadensabteilung.

Der Schadensaufwand steigt aufgrund technisch verbauter Teile moderner Autos. Dieser liegt bei der Wiener Städtischen Versicherung bei durchschnittlich 2.500 Euro. „Hauptsächlich sind Stoßstange, Motorhaube und Windschutzscheibe betroffen, aber auch die seitlichen Bereiche wie Türen können beim Aufprall beschädigt werden“, weiß Wiener-Städtische-Landesdirektor Wolfgang Lehner. Dramatischer können Wildunfälle für Motorradfahrer ausgehen. „Im Gegensatz zum Auto fehlt die Knautschzone“, merkt er an.

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