Leerstand in St. Pölten: 800 und nicht 5.000. Stadt St. Pölten und Makler liefern Fakten zu den viel diskutierten Zahlen.

Von Max Steiner, Martin Gruber-Dorninger und Beate Steiner. Erstellt am 12. November 2020 (06:14)
Die ersten Bagger rollen bereits auf dem Areal des ehemaligen Metro-Markts an. Hier sollen 435 neue Wohnungen entstehen. Das ist rund ein Viertel jener Wohnungen, die derzeit in St. Pölten in Umsetzung sind.
Gruber-Dorninger

Viel wird derzeit am St. Pöltner Wohnungsmarkt spekuliert. Nicht nur von den Investoren, die in der NÖ Landeshauptstadt ihre Wohnungen errichten lassen, sondern auch von St. Pöltnern, die den Bau boom kritisch sehen. 5.000 Wohnungen stünden bereits leer, ist häufig ein Einwand. Eine Zahl, die die Realität derzeit aber nicht ganz wiedergibt. Wenn man die Statistik sowie Stadt und Immobilien-Makler befragt, ergibt sich eine Zahl noch unter 1.000.

32.169 Wohneinheiten gibt es in der Landeshauptstadt insgesamt, da sind Ein- und Zweifamilienhäuser genauso dabei wie der großvolumige Wohnbau. In Bau sind derzeit 1.600 Wohnungen, weitere 4.000 sind geplant. Im Schnitt wurden seit 2010 pro Jahr 241 Wohneinheiten fertig. Die Bevölkerung wuchs im gleichen Zeitraum im Schnitt um 451 Bürger. Eine genaue Erhebung ist laut Stadt aufgrund der zahlreichen Anbieter schwierig, aufgrund der Angaben der großen St. Pöltner Makler geht der Magistrat von zirka 800 Wohnungen am Markt aus. Dies bestätigen die Makler auch der NÖN.

Zu viele Mietobjekte, zu wenig Eigentum

Ob 800 leer stehende Wohnungen schon zu viel sind und ob die richtigen Wohnungen gebaut werden, darüber gehen die Meinungen der Experten allerdings auseinander. Aktuell liegt die Bautätigkeit über dem Bevölkerungswachstum, berichten die großen Makler. „Beim derzeitigen Einwohnerwachstum würden die 800 freien Wohnungen erst in drei Jahren absorbiert“, sagt Paul Edlauer. Allerdings wird durch das große Angebot die Miete günstiger, denn „Leerstand ist teuer“, so Edlauer. Mehr Nachfrage als Angebot gibt es bei gebrauchten Eigentumswohnungen: „Solche Objekte sind nur wenige Wochen am Markt“, bestätigt Makler Mario Winkler von Immocentral.

Michael Miksch von Jäger-Immo sieht in der beständigen Bautätigkeit grundsätzlich kein Problem: „Wenn der Preis und das Produkt passen, gibt es schnell auch den Mieter oder Käufer. Leerstände sind dort, wo man zu viele Kompromisse eingehen müsste als Mieter.“

Werden also nicht nur die richtigen Wohnungen gebaut? Zwar habe es in der Landeshauptstadt einen grundsätzlichen Wandel vom Bietermarkt zum Nachfragemarkt gegeben, aber „wenn ein gutes und vielfältiges Angebot am Markt ist, spricht das die Menschen an“, weiß Norbert Steiner, Obmann von Alpenland. Die Wohnbaugenossenschaft legt daher Wert auf gut geplante Grundrisse, solide Bauqualität, großzügige Freiflächen. „Wir schaffen ein Angebot, das ins Eigentum übertragbar ist und den Menschen Sicherheit in der Lebensplanung gibt“, so Steiner.

Ins Stocken geriet zuletzt die Verwertung von Mietwohnungen beim Bauprojekt „Leben am Fluss“. Durch den Lockdown sei die Nachfrage gering, fünf bis zehn Prozent der Wohnungen würden monatlich vergeben. „Corona hat die Klientel offensichtlich verunsichert“, vermutet Baumeister Michael Neubauer. Anders sehe die Situation bei den Eigentumswohnungen aus, die seien gut nachgefragt.

Als „interessant und dynamisch“ bezeichnet Remax-Immobilienmakler Bernhard Baumgartner die Wohnungssituation in St. Pölten. Die Nachfragesituation sei in allen Sparten hoch. Bei Mietwohnungen gebe es ein sehr starkes Angebot, bei den Eigentumswohnungen ein deutlich geringeres.

Keinen Leerstand gibt es bei der gemeinnützigen Genossenschaft WET. „Wir haben gar nichts frei. Wir haben beim Genossenschaftssektor überhaupt keine Vermarktungsprobleme“, bestätigt Doris Lintner.

Investoren kommen, weil Geld am Markt ist

Als Zukunftsmarkt sieht auch der Investor 6B47 St. Pölten. Etwa auch wegen der nahen universitären Möglichkeiten in Wien, St. Pölten und Krems. Für dessen Wohnquartier mit 435 Wohnungen wird gerade der alte Metro-Markt abgerissen. Mit der Baubewilligung rechnet man in den nächsten Wochen.

Viel frei finanziert und gebaut wird in St. Pölten weiterhin, weil viel Kapital am Markt ist, erklärt Paul Edlauer: „Das Geld sucht die Anlage, und jeder Investor glaubt, dass er unbekanntes Terrain erkannt hat.“