Stocker-Legenstein: Die Krisenhelferin für Studierende. Gerda Stocker-Legenstein hat 25 Jahre lang an der FH Wiener Neustadt unterrichtet. Als Lehrende nun in Pension, ist sie als Gesundheitspsychologin weiterhin für die Studierenden da. Corona hat bestehende Probleme verstärkt, sagt sie. Lichtblicke gibt es trotzdem. Und bald auch ein erweitertes Beratungsangebot.

Von Stefanie Marek. Erstellt am 18. Februar 2021 (09:11)
Gerda Stocker-Legenstein hilft jungen Menschen, den Umgang mit sich selbst und anderen zu verbessern.
FH WN/Pletterbauer

Wer zu Gerda Stocker-Legen- stein in die psychologische Beratung kommt, kommt mit einem Problem, das mit dem Studium zusammenhängt. Im Laufe des Gesprächs wird dann oft klar: Eigentlich geht es um tiefer liegende Themen.

Eine Stunde in der Woche hatte die 60-Jährige bis vor dem Beginn der Pandemie im Zimmer des Betriebsarztes ein offenes Ohr für junge Menschen. Die Beratung an der FH ist als Unterstützung für Studierende bei Krisen und in Problemsituationen gedacht. Wer längerfristige Betreuung braucht, den leitete Gerda Stocker-Legenstein an andere Stellen weiter. Extrastunden unabhängig von der fixen Sprechstunde gibt es nach Bedarf. Und dieser Bedarf ist laut der Psychologin seit Corona um rund ein Drittel gestiegen.

Alte Muster und neue Probleme

Seit 1996 ist Gerda Stocker-Legenstein an der FH tätig. Bisher kamen die Studierenden in der Vorlesungszeit mit psychosomatischen Problemen wie Kopfweh, Verdauungsstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, wegen Problemen mit der eigenen Sexualität, dem Essverhalten, aber auch wegen belastender Vorfälle in der Familie oder der Partnerschaft zu ihr. Der Beratungsbedarf bei Essstörungen sei über die Jahre weniger geworden, so Stocker-Legenstein, alles andere sei mehr oder weniger konstant geblieben – und dann kam Corona.

„Jetzt haben viele depressive Verstimmungen. Probleme, die auch schon vorher da waren, werden jetzt in der Corona-Krise stärker sichtbar“, sagt die Psychologin. Hinzu kommen neue Probleme wie fehlende Kontakte: „Die Studierenden sind den Austausch gewohnt, wir haben an der FH normalerweise auch viele Gruppenarbeiten. Jetzt muss die Motivation plötzlich aus einem selbst kommen.“ Heißt: „Die Strukturen und der für die FH typische Präsenzunterricht fehlen und damit auch die Motivation für das Studium. Viele Studierende haben keinen Antrieb, der Tag fühlt sich unbefriedigend an. Negative Gedanken und Zukunftsängste verstärken sich, viele haben Schlafstörungen. Auch Probleme in der Partnerschaft oder der Familie machen den Studenten zu schaffen, denn: Viele teilen sich Einzimmerwohnungen oder sind zurück zu den Eltern gezogen, weil sich Studentenheime derzeit nicht auszahlen“, erzählt Gerda Stocker-Legenstein.

Selbstmanagement als Hilfe in der Krise

Welche Lösungen und Tipps hat sie für Betroffene? „Es geht vor allem darum, sich einen Wochenplan zu erstellen, sich Puffer einzuplanen und sich vorher mit einem Zeitprotokoll anzuschauen, wie viel Zeit man eigentlich wofür verwendet“, empfiehlt sie. „Ich habe den Studierenden geraten, sich zu überlegen, was ihnen Freude macht. Sie sollten sich anschauen, was sie schon alles geschafft haben, und sich belohnen, sich überlegen, wie ihr Zukunftsplan aussieht, und gezielt darauf hinarbeiten. Das lenkt ab von negativen Gedanken.“ Chatgruppen zu bilden oder sich überdie Studentenvertretung zuvernetzen sei ebenfalls eine Anregung.

Vor der Pandemie fand die psychologische Beratung wie erwähnt nur persönlich statt. Seit Abstandhalten das Gebot der Stunde ist, läuft die Beratung übers Telefon. Vor allem im Winter und gegen Ende des Semesters war der Redebedarf groß. „Es fehlt natürlich viel, wie zum Beispiel die Mimik beim Sprechen, das muss man schon realistisch sagen. Ich bin aber überrascht, wie gut es trotzdem funktioniert“, so die Psychologin.

FH erweitert Beratungsangebot

Man hört an ihrer Stimme: Stocker-Legenstein ist mit vollem Herzen bei der Sache: „Es ist jetzt keine große psychologische Arbeit, aber ein Anstoß in die richtige Richtung. Von den Studierenden werden viele Berater in irgendeiner Form und haben in Folge ebenfalls mit Menschen zu tun. Deshalb will ich jungen Menschen beim Umgang mit sich selbst und anderen helfen“, sagt die Wiener Neustädterin.

Bis Ende dieses Semesters hat Stocker-Legenstein hauptberuflich am FH-Institut für persönliche Kompetenzentwicklung gelehrt und Kurse zu Verhandlungstechniken, Selbstmanagement oder Konflikt- und Projektmanagement gegeben.
Auch wenn sie jetzt als Lehrende in Pension geht, als Gesundheitspsychologin ist sie weiterhin für die Studierenden da. Seit kurzem stehen für die kostenlose psychologische Betreuung übrigens auch andere Expertinnen und Experten zur Verfügung. Gemeinsam mit der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) arbeitet die FH derzeit auch an einem weiteren Ausbau des Beratungsangebots für Studierende.