„Lehre ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit“. AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB NÖ-Vorsitzender Markus Wieser über die Berufschancen von Lehrlingen, den angeblichen Fachkräftemangel und die Aktivitäten der Sozialpartner für den Nachwuchs bei Facharbeiterinnen und Facharbeitern.

Von BVZ Redaktion. Erstellt am 15. November 2018 (12:18)
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NÖN: Viele Betriebe klagen über zu wenige Fachkräfte. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Betriebe, die junge Menschen ausbilden. Hängt das zusammen?

Markus Wieser: Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten gesehen, dass die Zahl der Betriebe, die Lehrlinge ausbilden, leider sinkt und damit natürlich auch die Zahl der Lehrlinge. Das haben wir gemeinsam mit der Wirtschaftskammer in Niederösterreich erkannt und setzen daher gemeinsam viele Maßnahmen um, damit die Lehre aufgewertet wird. Denn davon profitieren alle: Die Unternehmen, die motivierte und engagierte Fachkräfte erhalten, und natürlich die jungen Menschen, denen eine berufliche Zukunft ermöglicht wird. Und daher ziehen die Sozialpartner in Niederösterreich an einem Strang, zum Wohle des Landes und der Menschen. Und die Zahlen geben uns Recht, denn die Anzahl der Lehranfänger ist seit dem vorigen Jahr endlich wieder im Steigen. Wichtig ist aber auch, dass die Unternehmen mehr Lehrlinge ausbilden und dass die überbetriebliche Lehrausbildung, die den Mangel an Lehrstellen abfedert, bestehen bleibt. In diesen Ausbildungsstätten wird hervorragende Arbeit geleistet und mit der Ausbildungspflicht bis 18 werden diese noch wichtiger.

Warum sollten junge Menschen überhaupt eine Lehre beginnen?

Wieser: Weil sie damit einen sicheren Weg einschlagen, einmal gefragte Fachkräfte zu werden. Eine abgeschlossene Lehrausbildung bietet heute sehr gute Zukunftschancen. Und unsere Form der dualen Ausbildung bereitet junge Menschen optimal auf die Arbeitswelt vor. Sie bringt ein gutes Einkommen und ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. Das Risiko, arbeitslos zu werden, liegt ohne abgeschlossene Ausbildung drei Mal höher als mit einem erlernten Beruf. Dennoch gilt es, das Image der Lehre weiter zu heben. Laut einer Studie empfehlen 85 Prozent der Lehrkräfte den Schüler eine weiterführende Schule statt einer dualen Berufsausbildung, und nur ein Drittel der Eltern glaubt an gute Jobaussichten nach einer Lehre. Gemeinsam mit der Wirtschaftskammer setzen wir daher viele Initiativen um, um diese Vorurteile abzubauen und die vielen positiven Seiten der Lehre aufzuzeigen.

Wie hilft die AK Jugendlichen bei der Berufswahl?

Wieser: Es gibt einen Trend, der sich hält: Mechaniker und Installateur bei den Burschen, Frisörin und Einzelhandelskauffrau bei den Mädchen. Da ist es uns ein großes Anliegen zu informieren und neue Möglichkeiten aufzuzeigen. Es gibt mehr als 200 Lehrberufe und eine breite Vielfalt, doch die wenigsten kennen überhaupt die Top 10. Deshalb führt die AK Niederösterreich pro Jahr mehr als 150 Workshops zum Thema Bewerbung mit Schulklassen durch und stellt Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte zur Verfügung. Mit der Messe „Zukunft | Arbeit | Leben“ bieten wir die größte Bildungsmesse in Niederösterreich an, und das gleich zweimal im Jahr – in St. Pölten und Bad Vöslau. Dort stellen sich Schulen und Betriebe vor. Wir freuen uns Jahr für Jahr über 10.000 Besucher.

Berufsorientierung ist für Sie ein besonderes Anliegen. Wie kann diese im Schulalltag stärker verankert werden?

Wieser: Schon vor drei Jahren haben wir gemeinsam mit der Wirtschaftskammer den Masterlehrgang an der Pädagogischen Hochschule in Baden ins Leben gerufen. Damit ist garantiert, dass die ausgebildeten Lehrkräfte ihre Schüler bestmöglich auf die Zukunft vorbereiten können. 75 Lehrer absolvieren derzeit diesen Master-Lehrgang. Es gibt keine vergleichbare Ausbildung in Österreich, wo Pädagogen derart hochwertig für die Berufsorientierung geschult werden. Zusätzlich wurde jetzt auch am Standort ein Forschungszentrum für Berufsorientierung und Berufsbildung etabliert, das den Fokus besonders auf die digitale Berufswelt noch weiter vertieft.

Damit leisten wir als Sozialpartner einen enormen Beitrag, damit Jugendliche schon frühzeitig ihre persönlichen Stärken und Interessen entdecken und wissen, in welche Richtung sie sich beruflich entwickeln wollen. Unabhängig davon ist die verpflichtende Berufsorientierung ab der 7. Schulstufe als eigener Gegenstand in allen Schultypen eine gemeinsame Forderung von Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer.