„Berufsorientierung als Pflichtfach“. Die Lehrstellensuche und Lehrlingsoffensive. Das Image der Lehre und deren Akzeptanz in der Bevölkerung – darüber sprachen die Spitzen von AK, WK und AMS beim Runden Tisch der NÖN.

Erstellt am 12. November 2020 (09:50)

Von Walter Fahrnberger

NÖN: In der aktuellen Coronakrise hat sich auch die Situation für die Lehrlinge erschwert. Wie läuft aktuell die Lehrlingsoffensive*, die den Jugendlichen bekanntlich einen Lehrplatz garantiert?

Sven Hergovich: Wir vom AMS haben vor rund zwei Jahren gemeinsam mit dem Land und den Sozialpartnern das große Versprechen abgegeben, dass wir wirklich jedem und jeder Jugendlichen in diesem Land einen guten Lehrplatz garantieren wollen. Damals haben wir noch nicht gewusst, dass sich durch die schwere Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise infolge der Coronapandemie auch der Lehrstellenmarkt deutlich verschlechtert.

Sven Hergovich, Geschäftsführer des AMS NÖ
Hergovic

Aber wenn man etwas verspricht, muss man es halten. Das ist auch arbeitsmarktpolitisch ganz wichtig und entscheidend, weil wir ja wissen, dass Jugendliche ohne abgeschlossene Ausbildung bis zu zwölf Jahre über ihr gesamtes Erwerbsleben hinweg betrachtet arbeitslos sind. Deshalb haben wir gemeinsam die Niederösterreichische Lehrlingsoffensive noch einmal auf 7.500 Plätze aufgestockt und können damit unser großes Versprechen, dass kein Jugendlicher in Niederösterreich länger als drei Monate auf einen Ausbildungsplatz warten muss, einlösen.

Wolfgang Ecker: Wir haben im ganzen Haus auf Corona-Modus umgestellt, um Begabungskompass, BIZ-Beratung und Nachhilfe für Lehrlinge anbieten zu können. Die Zahlen am Lehrlingsmarkt liegen heuer um 485 unter dem Vorjahr, obwohl wir es noch ärger erwartet hätten. Aber wir haben es geschafft, dass unsere Unternehmer Lehrlinge bekommen. Ausbaufähig ist der Bereich der 18-bis 25-Jährigen. Auch für diese Altersgruppe gilt die Lehrlingsoffensive, die für Unternehmer und Lehrlinge interessant ist.

Markus Wieser: Schon in „normalen“ Zeiten haben wir die Problematik, dass immer mehr in eine weiterführende schulische Ausbildung gehen, auch wenn wir wissen, dass die Drop-out-Quote dadurch höher wird. Wir unternehmen alles, um zu zeigen, dass es eine gute Entscheidung ist, einen Beruf zu erlernen. Im Vergleich zu den letzen Jahren hatten wir heuer nicht so einen starken Zugang am Lehrlingsmarkt. Es gibt eine Umfrage, die besagt, dass 38 Prozent der Unternehmer keine Lehrlinge aufnehmen. 48 Prozent meinen, sie nehmen Lehrlinge auf, aber sie wissen nicht, ob die gleiche Anzahl wie im Vorjahr. Jetzt kommt noch Corona hinzu. Das trägt zu einer zusätzlichen Verunsicherung bei, weil viele Fragen durch Covid-Bestimmungen und Kurzarbeit auch für Lehrlinge in der Ausbildung ein Thema sind. Ganz wichtig ist die überbetriebliche Ausbildung. Dafür wurde die Anzahl um 800 Plätze aufgestockt. Somit bekommen auch jene eine Ausbildung, die es in keinen gewerblichen Betrieb schaffen. Das ist ein wichtiges Zeichen, um zu zeigen, dass wir keinen jungen Menschen zurücklassen.

2020 ist schon weit fortgeschritten. Geht die Lehrlingsoffensive auch im nächsten Jahr weiter?

Hergovich: Ja, die Lehrlingsoffensive geht 2021 nicht nur weiter. Wir haben auch aufgestockt und können nächstes Jahr mehr als 500 Plätze als bislang anbieten. Dafür nehmen wir knapp acht Millionen Euro mehr in die Hand. Wir investieren, weil wir sehen, dass die Lage am Arbeitsmarkt nicht leichter geworden ist und wir unser Versprechen einlösen wollen, jedem einen guten Ausbildungsplatz zu garantieren.

Aktuell gibt es viel weniger Lehrstellen, als nötig wären. Muss man Angst haben, dass der Lehrlingsmarkt durch Corona länger unter Druck bleibt?

Wieser: Natürlich, weil viele Betriebe nicht wissen, wie es weitergeht. Aber es wurde zum Glück jetzt die Kurzarbeitsvereinigung erweitert. Für mich gibt es jetzt keinen Grund, Mitarbeiter freizusetzen, weil die Arbeitszeit auf null heruntergefahren werden kann.

Hergovich: Für junge Menschen ist es schwieriger geworden, eine Lehrstelle zu finden. Das liegt einerseits an den Auswirkungen von Corona, andererseits an den regionalen Unterschieden.

Es gibt aber nach wie vor Branchen, wo Lehrlinge auch jetzt händeringend gesucht werden. Welche sind das?

Ecker: Vor allem aus der Industrie höre ich aus vielen Gesprächen, dass die Branche keine Lehrlinge bekommt. Das ist ein Phänomen. Auch in Gewerbe und Handwerk werden immer wieder Lehrlinge gesucht. Wir müssen alle Maßnahmen unterstützen, um alle Jugendlichen unterzubringen. Weil eines ist klar: Die Krise wird hoffentlich schnell vorbei sein. Dann brauchen wir Fachkräfte, damitwir wieder durchstarten können.

Wie kommt es zu dieser ambivalenten Situation, dass einerseits Lehrlinge gesucht werden, andererseits viele eine Lehrstelle suchen? Hakt es an der Ausbildung?

Ecker: Ich denke, ein Riesenthema ist nach wie vor, dass das positive Image der Lehre noch mehr in den Vordergrund treten muss, obwohl hier schon viel passiert ist. Wir müssen noch stärker schauen, dass man neue Lehrberufe ins Leben ruft und dass man sich auf die Bedürfnisse der Jugendlichen einstellt. Heißt: Was wollen sie lernen? Wo wollen sie hingehen?

Markus Wieser, Präsident der AK Niederösterreich
Philipp Monihart

Wieser: Das Problem ist, dass es nach wie vor kein Pflichtfach für Berufsorientierung gibt. Das würden wir uns wünschen: Ab der siebenten Schulstufe über alle Schultypen hinweg sollen die Schülerinnen und Schüler sich orientieren können, was eine weiterführende schulische Ausbildung und was eine weiterführende duale Berufsausbildung bedeutet. Hier sind Bund und Unterrichtsministerium gefordert, der Berufsorientierung jenen Stellenwert zu geben, den sie dringend braucht.

Hergovich: Die Wichtigkeit der Berufsorientierung kann ich auf jeden Fall unterstreichen. Die Diskrepanz, dass einerseits Lehrlinge gesucht werden und woanders keine Stellen frei sind, liegt schon daran, dass in unterschiedlichen Bereichen gesucht wird. Das hat auch damit zu tun, dass niemand die volle Bandbreite an Lehrberufen kennt. Es gibt so viel mehr an Möglichkeiten. Ich glaube, es ist besonders wichtig aufzuzeigen, welches Angebot es gibt.

Ecker: Wir haben in NÖ 200 Lehrberufe. Das Spektrum ist sehr groß. Uns muss es gelingen, dass diese 200 Lehrberufe so präsentiert werden, dass die Anwärter auf Lehrberufe das auch mitbekommen und sehen, um welche Berufe es geht.

NÖN-Chefredakteur Walter Fahrnberger
Erich Marschik

 

 

Oft wird von Unternehmern kritisiert, dass die Abgänger der Mittelschulen im analytischen Denken, in Mathematik und in Deutsch nicht die Erfordernisse mitbringen, die notwendig wären. Können Sie das unterstreichen?

Ecker: Bis zu einem gewissen Grad ja. Aber auch dagegen unternehmen wir etwas: Es wird in der Wirtschaftskammer Niederösterreich Nachhilfe angeboten. Damit unterstützen wir Schulabgänger, um dieses Manko aufzuholen. Ich glaube, wenn man einem Jugendlichen eine Chance gibt, ihn entsprechend unterstützt und ihm hilft, kann der für einen Betrieb sehr erfolgreich sein. Man muss nur immer seine Stärken herausfinden und schauen, wo er einsetzbar ist. Es gibt sicherlich Berufe, wo das nicht ganz so einfach ist, weil eine gewisse Ausbildung oder ein Wissen von Lehrlingen benötigt wird. Dabei habe ich aber selbst die Erfahrung gemacht, dass die Lehrlinge, die schon ein wenig älter sind, sich wesentlich leichter tun. Ab dem Alter von 18 Jahren ist bei einem Lehrling auch das Verständnis ein anderes, und man kann ihn wesentlich besser unterstützen.

Wie kann Ihrer Meinung nach die Lehre weiter gestärkt und die Akzeptanz in der Bevölkerung noch mehr gesteigert werden?

Wieser: Die Themenfelder liegen ja am Tisch. Bei jeder Umfrage kommen wir immer wieder auf das Thema, dass Eltern, Lehrkräfte und Freunde bei der Berufswahl maßgeblich entscheidend sind. Laut einer Studie sagen 70 Prozent der Eltern, dass die Lehre okay und ein Handwerk super ist. Nachsatz: Aber nicht für meine Kinder. Und 80Prozent der damals befragten Lehrer haben gesagt, sie empfehlen ihren Schülern eine weiterführende schulische Ausbildung. In diesen Bereichen muss man ansetzen, hier kann man in Richtung Berufsorientierung noch was unternehmen.

Wieser: Wir unternehmen als Sozialpartner schon sehr viel: die Bewerbungstrainings oder Veranstaltungen der Arbeiterkammer beziehungsweise des ÖGB wie „Zukunft, Arbeit, Leben“. Normalerweise kommen im Rahmen dieses Events 10.000 Jugendliche zu uns. Heuer mussten wir das sowohl in Bad Vöslau als auch im VAZ St. Pölten absagen, weil die Schulausflüge untersagt wurden. Somit geht uns ein ganzer Jahrgang für die Berufspräsentation ab. Aber wir haben umgestellt und bieten alle Informationen online.

Das Wichtigste ist aber, dass wir Berufsorientierung als Pflichtfach ab der siebenten Schulstufe, quer über alle Schultypen, bekommen. Dann hören die Kinder und Jugendlichen in der Schule, welche Möglichkeiten es gibt. Das ist ein wichtiger Baustein.

Herr Ecker, was wünscht sich die Wirtschaft für die Lehre?

Wolfgang Ecker, Präsident der WK NÖ
AKNÖ/Klaus Vyhnalek

Ecker: Ich kann die Ausführungen von Markus Wieser nur unterstreichen. Ich möchte aber noch zwei interessante Zahlen hinzufügen: Wir haben bei den Lehrlingen eine Drop-out-Quote von sechs Prozent. In einer AHS oder BHS liegt diese Quote bei 40 Prozent. Das bedeutet: Wenn einmal die Entscheidung getroffen ist, dann funktioniert die Lehre. Der Jugendliche weiß dann, in welche Richtung es geht. Das deutet darauf hin, dass die Ausbildung so ist, wie sich die Jugendlichen das vorstellen. Natürlich müssen wir den Jugendlichen die Lehrausbildung schmackhaft machen. Da spielen natürlich die Eltern eine wesentliche Rolle, weil sie, genauso wie die Freunde, einen großen Einfluss auf die Entscheidung haben. Daran müssen wir arbeiten, weil ich weiß, dass im ganzen Land Facharbeiter gesucht werden. Das habe ich täglich mehrmals gehört, als ich durchs Land gefahren bin und Betriebe besucht habe. Und wenn Corona dann vorbei ist, werden wir wieder einen Fachkräftemangel haben. Aber über die Lehrlinge können wir uns diese Kräfte ausbilden.

Herr Hergovich, ist die Lehreattraktiv genug?

Hergovich: Ich halte die Lehre in weiten Teilen tatsächlich für eine sehr attraktive Ausbildung. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann würde ich mir zusätzliche Investitionen ins Bildungssystem wünschen. Weil wir mit immer mehr Jugendlichen konfrontiert sind, die einfach noch nicht lehrfähig sind, weil noch nicht ausreichende Kenntnisse der Grundrechenarten oder nicht ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache vorhanden sind. Zusätzliche Investitionen ins Bildungssystem wären aus meiner Sicht effizienter und billiger. Was wir jetzt machen, ist, dass wir in weiten Teilen auch eine Reparaturwerkstatt des Bildungssystems sind, um Jugendliche, die zu uns kommen, auf das Berufsleben vorbereiten. Das ist auch gut und wichtig so, dass wir das gemeinsam tun. Aber noch lieber wäre mir, wenn man uns nicht bräuchte und man hier mit zusätzlichen Investitionen im Bildungssystem dafür sorgt, dass viel mehr Jugendliche die Fähigkeiten, die sie brauchen um einen Lehrplatz zu finden, schon haben, wenn sie zu uns kommen.

Ist es notwendig, die technische Ausbildung an den Schulen stärker zu forcieren, um Jugendliche mehr für die technischen Berufe zu begeistern?

Hergovich: Ich würde das befürworten und würde zusätzlich auch anregen, die volle Breite an Möglichkeiten, die man im technischen Bereich hat, stärker sichtbar zu machen. Nicht jeder technische Beruf ist ein Elektrotechniker oder ein Metalltechniker. Es gibt so viele Möglichkeiten im technischen Bereich. All diese Möglichkeiten einmal sichtbar zu machen, würdeuns tatsächlich sehr weiterhelfen.