Mitten im Leben

Dass die Oma schwerhörig ist, gilt in vielen Familien als normal. Doch Hörverlust kommt auch mitten im Leben häufig vor und kann den Alltag massiv einschränken.

Dr. Georg Sprinzl
"Ich empfehle jährliche Hörtests ab dem 45. Lebensjahr - auch jetzt in Corona-Zeiten", sagt Prim. Univ. Prof. Dr. Georg Sprinzl, Leiter der Klinischen Abteilung für Hals-Nasen-Ohren am Universitätsklinikum St. Pölten.
 
Foto: Alex Gotter

Im Experten-Interview erklärt Prim. Univ. Prof. Dr. Georg Sprinzl, Leiter der Klinischen Abteilung für Hals-Nasen-Ohren am Universitätsklinikum St. Pölten, warum man Schwerhörigkeit nicht zu lange anstehen lassen sollte und wie man ihr beikommt.

Herr Prof. Sprinzl, sind tatsächlich nur betagte Menschen von Schwerhörigkeit betroffen?

Nein, Schwerhörigkeit kann in jedem Lebensalter auftreten – allerdings tut sie das bei Menschen ab 50 Jahren deutlich häufiger als bei jüngeren: Im Alter von 40 bis 49 Jahren sind sechs Prozent schwerhörig, unter den 50- bis 59-Jährigen sind es dann schon 25 Prozent.

Warum wird das Thema Hörverlust im mittleren Alter dann so selten angesprochen?

Ich sehe drei Gründe: Kein Mensch gibt gern zu, dass er schlecht hört, es gibt sehr große Vorbehalte gegen Hörgeräte und der Prozess verläuft bei den allermeisten Menschen schleichend. Viele gehen erst zum Arzt, wenn sie sich nicht mehr unterhalten können oder den Fernsehton sehr laut stellen müssen. Da fehlen schon 30 oder 40 Dezibel (dB). Das ist deshalb gravierend, weil Hörverlust zu sozialer Isolation und Depression führen kann. Ich empfehle daher jährliche Hörtests ab dem 45. Lebensjahr.

Wie kommt es zu Hörverlust in der Lebensmitte?

Hörverlust ist ein natürlicher Alterungsprozess, kann aber auch genetisch bedingt sein oder nach einem Hörsturz, akuter oder chronischer Lärmbelastung auftreten. Auch Tumore können das Hörvermögen beeinträchtigen.

Was kann man tun, wenn man erkennt, dass das Gehör nachlässt?

Der erste Weg sollte zum HNO-Facharzt führen. Bitte auch jetzt, in Covid-Zeiten: Wir wissen, wie man sich vor dem Virus schützt, es gibt also keinen Grund, notwendige Arztbesuche zu unterlassen. Je nach Art und Ausprägung der Hörstörung kann man im weiteren Schritt eine Hörgeräte-Versorgung vornehmen, eine Operation (z.B. bei Tumoren) oder ein Hörimplantat empfehlen (s. Kasten). Für mich ist es jedes Mal beeindruckend, wenn die Patienten nach einer erfolgreichen Hörgeräte- oder Implantat-Versorgung berichten, dass sie verlorene Teile der Kommunikation zurückgewinnen konnten. Das ist immer wieder ein schönes Erlebnis.