Corona-Maßnahmen: Mit Teamgeist durch die Krise. Unter dem Motto „Nachbarn für Nachbarn“ helfen Ehrenamtliche der Risikogruppe bei Einkäufen und Besorgungen.

Von Gabi Gröbl, Thomas Peischl und Lisa-Maria Hasenhindl. Erstellt am 18. März 2020 (04:17)

Wir beleuchten anhand von zwei Gemeinden im Tullnerfeld, wie das Coronavirus den Alltag verändert.

Die Mitarbeiter des Gemeindeamtes Atzenbrugg verzichten auf Hände schütteln und wahren den Sicherheitsabstand von einem Meter. Dringende persönliche Vorsprachen sollen verschoben werden bzw. telefonisch durchgeführt werden.

Bürgermeisterin Beate Jilch dazu: „In Zeiten wie diesen überschlagen sich schlechte Nachrichten beinahe täglich. Es verstört und verunsichert, nicht zu wissen, wie es weitergeht und wie man sich schützen kann. Doch solche Zeiten sorgen auch dafür, dass wir zusammenrücken und ein Miteinander im Kleinen im Vordergrund steht.“ Nach Jilch sind die Vorsichtsmaßnahmen mehr als gerechtfertigt: „Es ist eine Umstellung, die äußerst notwendig ist.“

„Nachbarn für Nachbarn“ in Aktion

Aus diesem Grund schafft die Gemeinde eine neue Nachbarschaftshilfe-Plattform „Nachbarn für Nachbarn“. Die Risikogruppe, welche Hilfe bei Einkäufen, Apothekengängen oder anderen dringenden Erledigungen benötigt, kann sich dafür am Gemeindeamt unter 02275/5234 melden. Gesunden Menschen, die ihren Beitrag leisten möchten, sollen Namen und Telefonnummer hinterlegen. Ihre Daten werden dann an die hilfesuchenden Personen weitergeleitet. Zur Vermeidung eines gegenseitigen Risikos, wird der persönliche Kontakt zwischen Boten und Anrufer vermieden. Bisher haben bereits 30 Personen ihre Hilfe angeboten.

Gemeinderätin Birgit Wallner plant, dieses Netzwerk auch nach der Krise als Nachbarschaftshilfe aufrecht zu erhalten: „Es ist wichtig, auch diese Seite einer Krise aufzuzeigen, nämlich dass Menschen sich gegenseitig helfen wollen.“

Arzt-Ordination. Um die Ansteckung der Patienten der Gemeinde Atzenbrugg untereinander zu verhindern, hat Allgemeinmedizinerin Vera Witsch umfangreiche Maßnahmen gesetzt. Die Ordination findet ausschließlich nach telefonischer Voranmeldung statt. Witsch bittet um Verständnis, dass man sich am Telefon kurz halten muss und es auch bei einem Anruf zu Wartezeiten kommen kann. Ältere Menschen werden ab sofort zu Hause betreut. Ziel ist, dass das Wartezimmer leer ist. „In geschlossenen Räumen bitte immer einen Sicherheitsabstand einhalten und die Räume gut lüften“, appelliert die Ärztin. Man könne nicht genug betonen, dass oftmaliges Händewaschen mit Seife, Husten und Niesen in Taschentücher oder Ellenbeuge unabdingbar sind und: „Wenn Sie Symptome einer Erkältung haben, bleiben Sie bitte zu Hause!“

Apotheke. Auch die Antonius Apotheke in Heiligeneich mit Michaela Ruß-Widerin rüstet sich für die Krise. Es wird eine Rigips-Wand aufgestellt, somit kann man nur mehr bis zur Hälfte des Geschäftslokals gelangen. Ab sofort werden Kunden nur mehr einzeln bedient. Auch hier gilt, sich in der Warteschlange mit zwei Metern Abstand anzustellen und, wenn notwendig, im Freien zu warten. Es wird zu längeren Wartezeiten kommen, jedoch bleibt die Verfügbarkeit von Medikamenten und dem restlichen Sortiment erhalten. Die Öffnungszeiten bleiben wie gewohnt von Montag bis Freitag 7.30 bis 12 Uhr sowie 14 bis 18 Uhr, Samstag 8 bis 12 Uhr.

Lebensmittel-Geschäft. Für Geschäftsmann Markus Haferl gestaltet sich eine Personenbeschränkung in seinem Lebensmittelgeschäft als schwierig. Haferl appelliert, Waren nach Haushaltsmengen zu kaufen. Es sei genug Ware vorhanden und Hamsterkäufe belasten das System. Vor Ort in seinem Bistro zu essen ist nicht mehr möglich, aber es gibt eine Essensausgabe. Wichtig ist auch hier, in der Warteschlange Abstand zu halten und nicht zu drängeln.

Blasmusik. Auch das ansonsten rege Vereinsleben der Gemeinde kommt zum Stillstand. Die Proben der Blasmusik Heiligeneich mit ihren immerhin 69 Mitgliedern (50 Prozent um die 30 Jahre, etliche auch über 60 bzw. 70 Jahre) sind natürlich ausgesetzt .

Kapellmeisterin Bettina Feichtinger betont: „Egoismus hat in den letzten Jahren in unserer Gesellschaft zugenommen. Jetzt wird ein Umdenken gefordert, um die Risikogruppe schützen zu können. Dazu gehört Verantwortung zu übernehmen, daher hat die Vereinsleitung der Blasmusik Heiligeneich die Vereinsaktivität vorerst stillgelegt.“

Feuerwehr. Auch die wöchentlichen Übungsabende der Feuerwehr werden aktuell nicht abgehalten. Kommandant Peter Haferl dazu: „Wir können das globale Geschehen nicht beeinflussen, aber jeder von uns kann in seinem Bereich schauen, dass wir diese Sache möglichst unbeschadet hinter uns bringen.“ Die drei Gemeindefeuerwehren Atzenbrugg, Heiligeneich und Trasdorf sind einsatzbereit.

„„Schau auf dich, schau auf mich“

Nur wenige Kilometer weiter wappnet sich Sieghartskirchen für die Coronakrise. Bürgermeisterin Josefa Geiger lud am Sonntag eine Abordnung der Gemeindeführung sowie die Resortleiter zur Lagebesprechung auf das Gemeindeamt ein.

Gemeindeamt. Die weitere Vorgehensweise: Im Verwaltungsbereich wird ein rotierendes System bedient, damit nie alle Mitarbeiter gleichzeitig am Arbeitsort sind. Zweck ist, im Bedarfsfall ein zweites Team einsatzbereit zu haben und Ansteckungsrisiken zu minimieren. Auch am Bauhof wird dieses System angewandt, um sensible Bereiche wie Wasserversorgung, Beerdigungen etc. lückenlos sicher zu stellen. Das Wertstoffsammelzentrum wird schließen, die Müllentsorgung bleibt aufrecht.

Parteienverkehr. Am Gemeindeamt wird man zu Parteienverkehrszeiten telefonisch unter 02274/5005 und per E-Mail an gemeinde@sieghartskirchen.gv.at zur Verfügung stehen. Außerhalb der Parteienverkehrszeiten steht unter der selben Telefonnummer eine Anlaufstelle für Risikogruppen zur Verfügung, die vollständig zuhause bleiben sollen und Hilfe bei Einkäufen und Besorgungen benötigen. Auch Informationen und Kontakte zu behördlichen und medizinischen Stellen werden weitergegeben. Unter der gleichen Nummer können sich Freiwillige melden, die bei der Versorgung helfen möchten.

Bürgermeisterin Josefa Geiger dankt der Bevölkerung für die Zusammenarbeit.

Initiativen. Dass die Marktgemeinde zusammenhält, beweisen zahlreiche Initiativen, ein paar Beispiele seien erwähnt: In der Kogler Speisekammer profitieren die Mitglieder nun vom Bio-Angebot, von Lebensmitteln bis hin zu Waschmittel, das viel Selbstgemachtes beinhaltet. Auch der KuStall in Abstetten bietet trotz geschlossenem Hofladen sein reichhaltiges Angebot im Kühlschrank vor dem Geschäft an. Bernhard Kuderer bekräftigt den positiven Effekt: „Alle Grundnahrungsmittel sind im Tullnerfeld vorhanden. Getreide, Milch, Gemüse, Fleisch und vieles mehr gibt es bei den Bauern. Die Menschen werden sich wieder auf die Produzenten unserer Lebensmittel, die Bauern, besinnen und ihre Arbeit noch mehr schätzen.“

Direktvermarkter und Heurige. Viele Direktvermarkter und Heurige sind nun umso mehr gefragt und bieten ihre Produkte auch zahlreich an. Julia Planyavsky macht aus der Not eine Tugend. Bis vor wenigen Tagen war sie in einem Betrieb für Gemeinschaftsverpflegung tätign jetzt unterstützt sie Menschen, die in der Krise Hilfe benötigen: „Ich habe in einer Facebook-Gruppe von so einer Initiative gelesen, das hat mir gefallen.Es ist schön, wenn man jemandem helfen kann.“