Nach der Bluttat in Franz-Josefs-Bahn: Oma klagt an. Mutige Augenzeugen retten Schaffner das Leben. Mutmaßlicher Täter wollte sich zuvor selbst einweisen lassen.

Von Thomas Peischl. Erstellt am 31. März 2021 (04:25)
Die Messer-Attacke ereignete sich in einem City Shuttle von Wien nach Sigmundsherberg, etwa auf Höhe Klosterneuburg. Als der Zug in Tulln ankam, wurde er bereits von Polizei und Rettung erwartet.
ÖBB, ÖBB

Ein Messer-Angriff mit schweren Folgen ereignete sich Donnerstagvormittag in einer Garnitur der Franz-Josefs-Bahn, die von Wien nach Sigmundsherberg fahren sollte. Ein 17-Jähriger soll mehrfach auf einen Zugbegleiter aus dem Bezirk Zwettl (54) eingestochen haben. Mutige Augenzeugen schreiten ein, retten damit vermutlich dem Schaffner das Leben und halten den Angreifer bis zum Eintreffen des City Shuttles in Tulln fest. Gegen den 17-Jährigen wird nun wegen versuchten Mordes ermittelt. Seine Großmutter wandte sich an die NÖN, sie ist überzeugt: „Diese Tat hätte man verhindern können!“

Aber der Reihe nach. Die NÖN hatte exklusiv den Bericht einer Zeugin erhalten, die die Ereignisse folgendermaßen schildert:

Schon in Wien-Heiligenstadt fällt ein junger Mann negativ auf, weil er ohne Maske in den Zug nach Sigmundsherberg einsteigt. Dem Zugbegleiter zeigt er bei der Kontrolle statt eines Fahrscheines einen Reisepass.

Statt Handy-Fahrschein ein Messer gezückt

Auf die Aufforderung, eine gültige Fahrkarte vorzuweisen oder 130 Euro Strafe zu zahlen, meint er: „Die Fahrkarte kann man auch auf dem Handy haben, oder?“ Der Schaffner bejaht. Daraufhin greift der Mann in seine Tasche. Statt eines Handys holt er ein Messer heraus, mit dem er sofort auf den Zugbegleiter einzustechen beginnt.

Der Schaffner schreit um Hilfe. Eine in der Nähe sitzende Frau  – wie sich später herausstellt, eine Ärztin –, die mit Begleitung (einem Mann) unterwegs ist, greift ein und schlägt dem Mann das Messer aus der Hand.

Der Angreifer nimmt ein zweites Messer aus seiner Hosentasche und beginnt nun auf den Kopf des bereits blutend am Boden liegenden Schaffners einzustechen. Dieser gibt noch am Boden liegend die Anweisung, die Polizei zu rufen. Aus einem anderen Abteil kommen nun drei Männer zu Hilfe. Es gelingt ihnen mit Mühe, den Messerstecher zu bändigen. Eine zweite Ärztin, die im Zug mitgefahren ist, kommt der Erst-Eingreiferin zu Hilfe. Gemeinsam versorgen sie den blutenden Schaffner.

NOEN, ÖBB

In Tulln wird der Zug bereits von Polizei und Rettung erwartet. Der Schaffner ist beim Abtransport durch die Sanitäter bei Bewusstsein. Auch der männliche Begleiter der Ärztin ist verletzt. Der Zugbegleiter wird nach notärztlicher Versorgung in das Universitätsklinikum Tulln gebracht, der 17-jährige Beschuldigte in die Justizanstalt Wien-Josefstadt eingeliefert. Gegen ihn wird nun wegen Mordversuchs ermittelt.

„Für uns und vor allem für unseren Kollegen und seine Angehörigen ist dieser Vorfall nicht nur sehr traurig und bedauerlich, sondern in gleichem Maße schrecklich“, zeigt sich ÖBB-Pressesprecher Christopher Seif tief betroffen.

ÖBB sehen erhöhtes Aggressionsaufkommen

Grundsätzlich sei leider ein erhöhtes Aggressionsaufkommen bei Fahrgästen zu beobachten – sowohl in den letzten Jahren als auch in Zeiten der Pandemie. Das zeige sich aber in erster Linie in verbalen Übergriffe auf das Bahnpersonal, wobei auch hier die Toleranzgrenze oftmals überschritten werde.

Tätliche Übergriffe seien aber „Gott sei Dank die Ausnahme“. Er persönlich könne sich nicht erinnern, dass ein bewaffneter Angriff mit solchen Folgen überhaupt schon einmal passiert wäre. Die ÖBB werden den Vorfall sowohl intern als auch in Kooperation mit den Einsatzkräften penibel aufarbeiten. Dem schwer verletzten Schaffner gehe es mittlerweile „soweit ganz gut“, so Seif, „er bekommt natürlich alle Zeit, sich vollständig zu erholen“. Die ÖBB wollen alles daran setzen, ihre Mitarbeiter zu schützen und derart schreckliche Angriffe künftig zu verhindern.

Bereits eine Woche vor der Tat auffällig

Dass man auch den aktuellen Vorfall hätte verhindern können, das stellt die Großmutter (60) des Tatverdächtigen in den Raum. Bereits eine Woche zuvor hatte der 17-Jährige im Bereich zwischen Bundesschulzentrum und HAK/HAS Tulln Fremden ein Bild mit einem Messer gezeigt, worauf diese die Polizei alarmiert hatten.

In einem darauf folgenden Befund der Kinder- und Jugendpsychiatrie des AKH Wien heißt es noch „Keine akute Selbst- oder Fremdgefährdung“ (siehe Faksimile links). Dem 17-Jährigen, der am Asperger Syndrom leidet, wird die Einnahme der vorgeschriebenen Medikation dringend nahegelegt. Von dieser Kontakt- und Kommunikationsstörung betroffene Personen tun sich schwer, mit anderen Menschen zu interagieren, sich in sie hinein zu fühlen und Empathie zu zeigen.

Die Großmutter schildert der NÖN einen Spießrutenlauf zwischen Ärzten, Spitälern, Jugendamt und Krisenzentrum, der schon lange davor begonnen habe. Aber alle Bemühungen um einen Therapieplatz seien vergeblich geblieben. Nach dem AKH-Termin am 11. März sei es zu einer weiteren Verschlechterung im Zustand des jungen Mannes gekommen. Wie dort empfohlen, wurde er medikamentös neu eingestellt. „Er war komplett verändert, fühlte sich ständig bedroht und verfolgt“, berichtet die 60-Jährige weiter. Sie habe noch einmal an das Jugendamt in Wien appelliert: „Bitte nehmt mir den Buben ab!“ - ohne Erfolg.

„Bitte sperrt mich weg!“

Am Tag vor der Messer-Attacke im Zug wandte sich der 17-Jährige sogar selbst an die Polizei in Wien: „Bitte sperrt mich weg!“, erzählt die Oma. Auch dort war man offenbar machtlos, man verwies ihn an einen Schlafplatz im 16. Wiener Gemeindebezirk. Als er von dort frühmorgens verschwand, wurde die Großmutter verständigt. Allerdings wusste niemand, wohin er gegangen war. Wie sich herausstellte, fuhr er mit dem Zug von Wien-Heiligenstadt nach Tulln ...