Tschernobyl 1986: „Ängste waren deutlich zu spüren“. Bezirk Tulln: Jäger Alfred Schwanzer, Landwirt Hermann Dam und Anti-Atomkraft-Aktivistin Hannelore Pichler erinnern sich an das „Tschernobyl-Jahr“ 1986.

Von Christa Wallak, Helga Urbanitsch und Doris Firmkranz. Erstellt am 28. April 2021 (04:11)
Beim Besuch von Hannelore Pichler wurde an der neuen Schutzhülle noch auf einem Platz vor dem Reaktor gearbeitet. Später (2019) wurde die Konstruktion auf Schienen über den alten Sarkophag geschoben.
H. Pichler, H. Pichler

Circa 1.300 Kilometer ist Tschernobyl von Tulln entfernt. Wie war die Bevölkerung im Bezirk von den Folgen des Reaktorunfalls betroffen? Welche wirtschaftlichen Auswirkungen spürten die Jägerschaft und die Landwirte?

Bezirksjägermeister Alfred Schwanzer, damals schon Jäger, erinnert sich gut an das Jahr 1986, in dem auch sein Sohn zur Welt kam. Es kam zu einem kompletten Preisverfall des erlegten Wildes. Als begeisterter Schwammerlesser waren auch die Pilze, besonders die Morcheln, die in den Donauauen wachsen, tabu. Schwanzer erinnert sich, dass er das damals auch gar nicht so eng gesehen hat, „da es ja hieß, dass sich die Radioaktivität hauptsächlich mit dem Regen niederschlägt, bei uns gab es kaum Regen in dieser Zeit. Aber trotzdem war größte Vorsicht geboten, besonders im Wald“, resümiert der Bezirksjägermeister.

Landwirtschaft fürchtete wirtschaftliche Folgen

Auch die heimische Landwirtschaft ist damals offensichtlich mit einem blauen Auge davongekommen. Der ehemalige Bezirksbauernkammerobmann Hermann Dam kann sich an die kritischen Tage und Wochen „ziemlich genau erinnern, weil meine Frau gerade mit unserer ersten Tochter schwanger war, und wir uns Sorgen machten, welche Auswirkungen das Unglück darauf haben würde.“

NOEN

Sorgen machte man sich in der Landwirtschaft ebenfalls. „Aber zum Glück gaben die Behörden bald Entwarnung“, berichtet Dam, „und trotzdem waren die Sorgen und Ängste der Bevölkerung deutlich zu spüren.“ Es hätte zwar keine strikten Verbote gegeben, aber frische Erdbeeren vom Feld waren schon ein bedenklicher Genuss.

Hermann Dam versteht nicht, warum manchmal Atomkraft als „saubere Energieform“ bezeichnet wird. „Was nützt einem das sicherste Atomkraftwerk, wenn es immer noch Probleme und ungelöste Fragen rund um die Entsorgung von radioaktivem Abfall gibt“, fragt sich der Landwirt.

Atomkraftwerksgegner in Meinung bestärkt

Hannelore Pichler aus Absdorf erinnert sich: „Am 1. Mai 1986 – als in Österreich der Reaktorunfall bekannt wurde – saß ich ohne große Bedenken wegen der Strahlengefahr auf meiner Terrasse in der Sonne und dachte mir: Was machen die Menschen mit dieser schönen Welt.“

„Die Katastrophe von Tschernobyl war die bedauerliche Bestätigung dafür, dass der Einsatz meines Mannes, damals Gemeindearzt von Absdorf, und vieler anderer gegen die Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf und die sogenannte friedliche Nutzung der Kernenergie richtig und wichtig war“, meint sie.

NOEN

Vor einigen Jahren war Pichler in Tschernobyl. Bei einer Führung auf „gesäuberten“, also weitgehend von der gefährlichen Strahlung befreiten, Wegen besichtigte sie die Umgebung und das Gelände des Atomkraftwerks.

Damals sah sie auch die neue Hülle für die Reaktorruine, eine riesige Gewölbekonstruktion aus Beton und Stahl, die nun den alten Sarkophag abdeckt und für etwa hundert Jahre Sicherheit vor radioaktiver Strahlung bieten soll.