Wer lenkte Moped bei Amokfahrt?. Bezirk Tulln: 16-Jähriger soll Polizistin schwer verletzt haben. Exekutiv-Pannen machen Fortsetzung der Gerichtsverhandlung notwendig.

Von Alex Erber. Erstellt am 21. Oktober 2020 (04:00)
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Am Landesgericht St. Pölten ging in der Vorwoche ein Prozess gegen einen 16-jährigen Kirchberger aus dem Dunstkreis des kürzlich zu zwei Jahren Haft verurteilten, gleichaltrigen „Stadtpark-Bosses“ über die Bühne. Vorneweg: Die Verhandlung musste vertagt werden. Sie droht zu einer monströsen Angelegenheit zu werden, nicht zuletzt aufgrund „unfassbarer polizeilicher Pannen“, wie Richter Markus Grünberger konstatierte.

Der Bursche gesteht, was unwiderlegbar ist, und zwar Widerstand gegen die Staatsgewalt. Die ebenfalls angeklagten Delikte schwere Körperverletzung, Sachbeschädigung und Einbruchsdiebstahl leugnet er.

Ende Juni war eine Polizeistreife in der Jasomirgottgasse unterwegs, als sie einen Mopedlenker wahrnahm, dessen Fahrzeug „sehr laut“ war, wie die Beamten im Zeugenstand versicherten. Ein Anhalteversuch scheiterte. Der Lenker hatte offenbar Lunte gerochen, gab Vollgas und raste stadtauswärts.

Wie es der Zufall so will, befand sich auf Höhe Messegelände eine weitere Polizeistreife, die Lasermessungen vornahm. Eine Polizistin bemerkte die Verfolgungsjagd, die beim ersten Kreisverkehr endete. Dort wendete der Mopedfahrer und fuhr auf der Zuckerfabriks-Begleitstraße wieder stadteinwärts.

Laserpistole fiel krachend zu Boden

Die Polizistin stellte sich auf diese Straße, wollte den Raser zum Anhalten bewegen. Doch dieser dachte nicht eine Sekunde daran, jagte an der Frau vorbei, sodass ihr die Laserpistole aus der Hand fiel. Das Gerät krachte zu Boden, zerbarst. Ein Splitter verletzte die Exekutivbeamtin am Schneidezahn, sodass sie ein „Zahntrauma“ erlitt.

Die Verfolgungsjagd endete schließlich bei der Abzweigung zum Grillengraben. Dort befindet sich in gerader Richtung ein Poller. Die Polizei musste kapitulieren, aber nicht vollständig. Praktisch routinemäßig fuhr man Richtung Stadtpark, als ein Zeuge, der das Geschehen beobachtet hatte, den vielleicht entscheidenden Hinweis gab: „Da vorne in der Schubertgassse hat der Typ sein Moped abgestellt.“

Nun die gröbste Polizeipanne: „Weil er das nicht wollte“, wie die Polizistin versicherte, hat man diesen Mann nicht als Zeugen einvernommen. Zum Glück landete wenigstens sein Name auf einem Notizblock. Der Richter wird die Wohnadresse ausforschen lassen und diesen wichtigsten Zeugen das nächste Mal zur Aussage bitten.

Dann ging es Schlag auf Schlag: Bei der Abfrage der Zulassung tauchte sofort der Name des nun Angeklagten auf, der sich in Begleitung eines mehrköpfigen „Freundeskreises“ im Stadtpark befand. Viel Alkohol habe er getrunken an diesem Nachmittag, eine ganze Flasche Wodka, einige Flaschen Bier: „Ich hatte einen Rausch, aber keinen Vollrausch.“

Jedenfalls kann er ausschließen, dass ein Fremder sein Moped in Betrieb genommen habe. Er selbst will aber auch nicht am Steuer gesessen sein. Der Aufforderung der Polizei, auf die Inspektion zwecks Einvernahme mitzukommen, widersetzte er sich. Nicht nur das, er wehrte sich mit Händen und Füßen, wurde in Handschellen gelegt und festgenommen. Knapp 1,6 Promille ergab der Alkotest.

In die Ausnüchterungszelle ritzte er mit seinem Mopedschlüssel seinen Namen ein. Dahinter die Zahl „88“, Synonym für „Heil Hitler“. Die Zahl sei schon dort gestanden, erklärt der 16-Jährige, weshalb ein weiterer Polizist der Inspektion Tulln eine Zeugenladung erhält.

Duo erbeutete Handfunkgeräte

Bleibt ein Einbruch in das Gebäude der Wasserrettung an der Donaulände, den der ehemalige Sporthauptschüler mit einem „Genügend“ in „Bewegung und Sport“ aber nicht verübt haben will. Die Türe sei offen gestanden. Dass Handfunkgeräte entwendet wurden, ist nicht abzustreiten. Es gibt ein Video, das den Angeklagten und seinen tschetschenischen Komplizen mit einem Tretboot im Aubad fahrend zeigt. Das Duo spielt dabei mit den erbeuteten Geräten. Gesichert wurde eine Vielzahl von Einbruchsspuren, doch der Jugendliche bleibt bei seiner Version, weshalb auch der Obmann der Tullner Wasserrettung als Zeuge aussagen muss.

Nachsatz: Wasser auf den Mühlen des Anwalts des Angeklagten ist die fehlende Personen- und Fahrzeugbeschreibung der Polizisten. Fix ist, dass die Lenkerin oder der Lenker des Mopeds „dunkel“ gekleidet war. Den weiß-rot-blauen Helm beschrieb man „weiß“, auf Nachfrage des Richters, ob es genaue Angaben zum Fahrzeug gibt, antwortete eine junge Polizistin: „Naja, es war ein Moped halt.“