Veronika Koller: „Die Klimaziele werden deutlich verfehlt“

Erstellt am 23. März 2022 | 05:47
Lesezeit: 4 Min
440_0008_8307639_tul12_15_tu_friday_for_future_veronika_.jpg
24 Jahre jung, motiviert und sehr umweltbewusst: Die angehende Zahnärztin Veronika Koller engagiert sich in Tulln für Fridays For Future.
Foto: Peischl
Am 25. März findet der nächste Klimastreik statt. Die NÖN sprach mit Veronika Koller von Fridays For Future Tulln.
Werbung

NÖN: Wie lange engagierst Du Dich schon für Fridays For Future (FFF) und was war dein Hauptbeweggrund, das zu tun?

Veronika Koller: Ich interessiere mich seit meiner Kindheit für Klima- und Umweltschutz. 2019 bin ich mit FFF aktiv geworden. Damals gab es eine sogenannte Ortsschildaktion, und da für Tulln noch keine Aktion eingetragen war, habe ich mich kurzerhand entschlossen, selbst eine auf die Beine zu stellen und damit auch eine Tullner FFF Gruppe begründet, gemeinsam mit den an der Aktion beteiligten Personen.

„Ich habe das Gefühl, durch diesen Lebensstil mehr an Freiheit zu gewinnen.“

Ukraine-Krieg, russisches Gas und steigende (Energie-) Preise sind in aller Munde. Welchen Einfluss haben diese Dinge auf eure Bewegung?

FFF hat einen Forderungskatalog an die Politik, der auch online öffentlich für alle Menschen einsehbar ist. In diesem appellieren wir schon seit unserer Gründung, einen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen schnellstmöglich zu forcieren und entsprechend einen massiven Ausbau erneuerbarer Energien einzuleiten. Einmal mehr zeigt die derzeitige Situation, wie wichtig die Unabhängigkeit von Öl und Gas ist. In unserem Gespräch mit Frau Mikl-Leitner im November 2021 haben wir bereits ein besonderes Augenmerk auf das Anliegen eines dringend notwendigen Ausstiegs aus Öl und Gas gelegt. Leider betreibt die niederösterreichische Landesregierung derzeit sehr viel Greenwashing. Die Pariser Klimaziele werden deutlich verfehlt, selbst wenn Niederösterreich alle sich selbst ernannten Maßnahmen bis 2030 umsetzt. Ich appelliere an die Bevölkerung, vermeintlich „grünen“ Kampagnen von Konzernen und Politikern sehr kritisch gegenüber zu stehen, da oft mit Zahlen getrickst wird.

Wenn Du ein FFF-Anliegen sofort umsetzen könntest, welches wäre das?

Das wäre auf jeden Fall der komplette Ausstieg aus fossilen Energieträgern und dementsprechend ein höchstmöglicher Ausbau von erneuerbaren Energiequellen, sowie alle möglichen Maßnahmen zur Energieeinsparung. Zur Netzstabilisierung und für die Versorgungssicherheit muss „Grünes Gas“ zur Verfügung stehen.

Es geht beim Klimaschutz oft um globale Anliegen und Zusammenhänge. Was sollten wir lokal, zu Hause oder vor der Haustüre umsetzen?

Ja, es ist ein globales Problem und die Politik sowie Konzerne müssen handeln, aber natürlich kann auch jeder einzelne Mensch einen großen Beitrag leisten. Viele sagen mir, das hieße ja, sie müssten auf so viele Dinge verzichten. Ich würde sagen, das ist Einstellungssache, denn ich habe das Gefühl, durch diesen Lebensstil mehr an Freiheit zu gewinnen.

„Ich verzichte gänzlich auf Flugreisen, habe kein Auto, fahre ganzjährig mit Fahrrad und Bahn.“

Diskutierst Du auch manchmal mit Menschen die eure Bewegung kritisch sehen?

Ja, das tue ich, ich halte es für wichtig. Es macht mich jedoch oft traurig und bringt mich zur Verzweiflung. Menschen fühlen sich angegriffen durch unsere Forderungen oder auch durch persönliche Aussagen von mir. Sie geben uns oder mir das Gefühl, wir seien stur und realitätsfern, dabei versuchen wir letztendlich das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten zu sichern, das Leben der Kinder und Enkel dieser Menschen, die kein Verständnis für unsere Sorgen und unseren Einsatz haben.

Apropos Kritik: Häufig wird FFF-Aktivistinnen und Aktivisten vorgehalten, dass sie Wasser predigen und Wein trinken. Lebst Du „klimafreundlich“?

Das tue ich tatsächlich, ich verzichte gänzlich auf Flugreisen, habe kein Auto, fahre ganzjährig mit Fahrrad und Bahn. Meine Ernährung ist vegetarisch und wann immer möglich vegan. Häufig ziehe ich zwei Pullover mehr an, kann dafür aber auf mindestens 2 Grad höhere Heizung verzichten. Allgemein lebe ich minimalistisch, auf umgerechnet 25 Quadratmetern, trage hauptsächlich Second Hand und kaufe, wenn ich etwas brauche, über Gebrauchtwaren-Plattformen. Wann immer möglich versuche ich es mit Reparaturen, bevor ich etwas ersetze.

Weiterlesen nach der Werbung