„Falscher Ansatz“: Tullner Bézard kritisiert ÖGK-Vorstoß zu Wahlärzten

Erstellt am 18. Mai 2022 | 05:44
Lesezeit: 3 Min
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Im NÖN-Gespräch: Wahlarzt Georg Bézard.
Foto: NOEN
Vorstoß der ÖGK, die Wahlarzt-Refundierung abzuschaffen, sorgt für großes Unverständnis.
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20 Euro – wenn überhaupt – bekommen Patienten der Orthopädie-Praxis Georg Bézard von der Krankenkasse refundiert. Geht es nach ÖGK-Vizeobmann Andreas Huss, könnte auch diese Zurückzahlung fallen. Sein Vorschlag: die Abschaffung des Wahlarzt-Systems.

Das sorgt für Unverständnis bei Bézard: „Der Wahlarzt ist nicht die Ursache des Problems, er ist das Symptom. Es gibt mehr Wahlärzte, weil das ,Produkt‘ Krankenkasse schlecht geworden ist.“

„Kein Patient, der sich für einen Wahlarzt entschieden hat, wird deshalb auf Kassenärzte umsteigen.“ Bézard zur Abschaffung

Zur Erklärung: Neben dem Kassenarzt und dem reinen Privatarzt gibt es das Modell Wahlarzt. Entscheidet sich ein Patient für einen Wahlarzt, wird ihm 80 Prozent des üblichen Kassentarifs – also nur ein Bruchteil der eigentlichen Kosten – refundiert. Je nach Leistung liegt der Kassentarif für eine orthopädische Behandlung bei 8,80 bis 30 Euro.

Bézard: „Wenn der Wahlarzt abgeschafft wird, spart die Versicherung auch noch diese 80 Prozent Refundierung. Aber kein Patient, der sich für einen Wahlarzt entschieden hat, wird deshalb auf Kassenärzte umsteigen. Man debattiert wegen 20 Euro von jemandem, der bereit ist 145 Euro zu zahlen, um der Kassenmedizin zu entkommen. Vielen Patienten ist es sogar zu mühsam überhaupt was einzureichen.“

Zeit pro Patient als entscheidender Faktor

Welche Summen eingespart werden könnten, rechnet die APA vor: Für Vertragsärzte gab die ÖGK 2020 rund 2,26 Milliarden Euro aus, für Wahlärzte 145,5 Millionen Euro – das sind 6,44 Prozent.

„Anstatt dass man das Produkt Krankenkasse verbessert, versucht man jetzt mit regulatorischen Prinzipien das Problem in den Griff zu bekommen. Das ist der völlig falsche Ansatz“, meint Bézard. Was es stattdessen braucht? Investitionen und eine Umstrukturierung der Honorarordnung für Kassenärzte.

Die Zeit ist der entscheidende Faktor: „Es ist die Zeit, die ich mir als Wahlarzt für die Patienten nehmen kann. Deshalb ist der Patient bereit selber mehr zu bezahlen, obwohl er eine kostenlose Kassenleistung in Anspruch nehmen könnte.“

Aber auch die Zeitverzögerung spielt eine Rolle: „Die Gesundheitskasse ist im Grunde eine Versicherung. Wenn ich akute Schmerzen habe und bei einem Kassenarzt erst in Monaten einen Termin bekomme, dann ist die Versicherung eigentlich wertlos“, ist der Orthopäde überzeugt, „stellen Sie sich vor, Sie haben einen Totalschaden am Auto und die Versicherungsgesellschaft sagt: ,Sie bekommen die Reparatur in 15 Monaten‘ – bei einer Knieprothese ist das zum Beispiel so.“

Abgesehen vom Zeitfaktor sieht Bézard keine groben Unterschiede in der Behandlung: „Es gibt Kassenärzte, die trotz allem eine gute Qualität in der kurzen Zeit pro Patient liefern. Aber die langen Wartezeiten können Auswirkungen haben. Im Gesamten gesehen, wendet sich der Patient vom Kassensystem ab, also können die meisten Patienten nicht zufrieden sein.“

Und auch viele Ärzte kehren der Kasse den Rücken. Obwohl sie mehr verdienen könnten als ein Wahlarzt, rechnet der Orthopäde vor: „Mit einer Kassenpraxis kann man sehr gut leben, wenn man das System bedient und Patienten im Minuten Takt durchschleust. Aber viele junge Ärzte wollen so nicht mehr arbeiten und die Patienten wollen’s eigentlich auch nicht mehr.“

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