Neu Pixendorf wächst wieder weiter. Riedergarten stellt Wohnpark fertig. Projekt „Zum Glück“ mit 308 Wohneinheiten verärgert bestehende Anrainer. Bürgermeister kalmiert.

Von Thomas Peischl. Erstellt am 21. Juli 2021 (04:25)
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Panoramablick auf Neu Pixendorf: links im Bild der Wohnpark Tullnerfeld. Auf der grün-braunen Fläche im Vordergrund will die BauConsult Group bis 2023 unter dem Titel „Zum Glück“ weitere 308 Wohneinheiten errichten. Nicht zu erkennen: der kleine Baum im Kreisverkehr (Straße rechts, ganz hinten).
Peischl, Peischl

Vor noch nicht einmal zehn Jahren, exakt am 9. Dezember 2012 wurde der Bahnhof Tullnerfeld eröffnet. Seitdem machte die Region einen gewaltigen Entwicklungssprung. Vor allem im Bereich zwischen Pixendorf und dem Regionalbahnhof schossen Einfamilienhäuser und auch Wohnbauten wie Schwammerl aus dem Boden. Erst in diesen Tagen feierte Bürgermeister Rudi Friewald (ÖVP) gemeinsam mit Errichtern, Planern und Investoren die Dachgleiche für die Ausbaustufen 3 bis 5 (die auch die letzte ist) für den Wohnpark Tullnerfeld von Riedergarten Immobilien.

66 Nachbarn gegen 308 Wohneinheiten

In Teilen der Bevölkerung wird diese Entwicklung mit großer Sorge beobachtet. Dabei geht es aktuell in erster Linie um ein weiteres großvolumiges Wohnbauprojekt mit sage und schreibe 308 Wohneinheiten und 476 Tiefgaragenstellplätzen, das unter dem Projektnamen „Zum Glück“ bis 2023 auf den noch verbliebenen beiden freien Parzellen im Entwicklungsgebiet Neu Pixendorf hochgezogen werden soll. 66 Bewohner von bereits bestehenden Bauten sind alles andere als glücklich, sie brachten eine ganze Liste von Einwendungen dagegen ein.

„Das wäre unmöglich und widerspricht allen unseren Raumordnungs- programmen.“ Bürgermeister Rudi Friewald zu weiteren 1.600 Wohnungen

„Verstehen Sie uns nicht falsch. Uns war klar, dass hier noch gebaut wird“, betont eine Anrainerin, die namentlich nicht genannt werden möchte. Aber abgesehen davon, dass die mit absoluter Mehrheit regierende ÖVP (15 von 21 Mandaten, 5 SPÖ, 1 FPÖ) vor der Gemeinderatswahl 2020 „behutsames Wachstum“ gleich als zweiten Programmpunkt genannt hatte, sei das Vorhaben im Vergleich zu bestehenden Gebäuden schlicht überdimensioniert.

Die Geschoßflächenzahl (wieviele Quadratmeter Geschoßfläche je Quadratmeter Grundstücksfläche zulässig sind) betrage 1,87. Seit 22. Oktober 2020 dürfe diese aber höchstens 1 betragen. Weitere Punkte, die in den Einwendungen genannt werden sind u.a. Mangel an Infrastruktur, zu erwartender Baustellen- und später Anrainer-Verkehr, für den die Straßen nicht ausgelegt wären, Lärmaufkommen sowie massive Eingriffe in den Grundwasserkörper. „Und nach wie vor ist das einzige öffentliche Grün im ganzen Grätzl ein winziger Baum im Kreisverkehr“, ärgert sich die Anrainerin, „vor allem aber fehlt ein mittel- bis langfristiges Entwicklungskonzept für unsere gesamte Region!“

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So soll sich der Wohnpark Tullnerfeld in Pixendorf fertig präsentieren: Begrünte Dächer und eine Mischung aus Eigengärten und Pkw-Abstellplätzen auf Erdgeschoßebene (es gibt auch eine Tiefgarage) sollen die Asphalt- und Betonflächen auflockern.
Buschina und Partner Ziviltechniker, Buschina und Partner Ziviltechniker

Inzwischen liegt ein positiver Bescheid für das Bauprojekt vor. Entscheidender Satz des 25-Seiten-Konvoluts: „Mit keiner einzigen Einwendung … wird inhaltlich die Beeinträchtigung eines subjektiv öffentlichen Rechtes im Sinn des §6 Abs. 2 NÖ BO 2014 geltend gemacht.“ Und da das Vorhaben bereits am 17. Februar 2020 eingereicht worden sei, dürfe die Geschoßflächenzahl von 1 noch überschritten werden. „Ich bin der, der unterschreibt und ich verlasse mich auf die Sachverständigen“, sagt dazu Bürgermeister Rudi Friewald. Langsameres Wachsen sei nach wie vor ein Ziel der Gemeinde. „Auch wir haben, wo es möglich ist, in den Ortskernen Bereiche definiert wo maximal zwei Wohneinheiten pro Parzelle errichtet werden dürfen“, erklärt Friewald weiter. Was nun konkret Neu Pixendorf angeht, so müsse man bis etwa 2008 zurückblicken. „Eine Bedingung der NÖ Landesregierung, damit wir diese insgesamt 14 Hektar große Aufschließungszone überhaupt bekommen, war, dass auf mindestens einem Drittel der Fläche verdichteter Wohnbau entsteht“, sagt der Langzeitbürgermeister (seit 2003). Das werde nun mit den 308 Wohneinheiten abgeschlossen.

Zum Thema Verkehrskonzept erklärt Friewald: „Da hat uns Corona leider einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir wollen dieses Konzept für die ganze Gemeinde ausarbeiten. Aber Bürgerversammlungen und gemeinsame Begehungen waren in letzter Zeit schwierig.“ Öffentlicher Grünraum wiederum sei ein heikles Thema. „Alle wollen Rabatte und Bäume haben. Aber wenn wir sagen: Die Gemeinde pflanzt, wenn ihr sie pflegt, ziehen die meisten schnell zurück. Und wir können uns nun einmal keine Armee von Gemeindegärtnern leisten“, sagt Friewald.

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Gleichenfeier für die Ausbaustufen 3, 4 und 5 im Wohnpark Tullnerfeld, im Bild Bürgermeister Rudi Friewald (4.v.r.) mit Planern, Errichtern und Investoren. Damit wird dieses Projekt abgeschlossen.
NOEN

Kurzzeitig war im Internet übrigens bei Riedergarten Immobilien unter dem Titel „Tullnerfeld 2030 — CO 2 -neutrale Stadt vor den Toren Wiens“ ein Megaprojekt mit kurz- und mittelfristig jeweils 800 weiteren Wohnungen aufgetaucht. „Ein Fehler, der wieder gelöscht wurde. Das wäre unmöglich und widerspricht allen unseren Raumordnungsprogrammen“, versichert Friewald.

Die Beschwerden der Nachbarn gingen aber nicht nur an den Bürgermeister, sondern auch an das Land NÖ und damit an die Bezirkshauptmannschaft Tulln. „Für inhaltliche Vorbringungen sind der Bürgermeister als Baubehörde erster Instanz und als zweite Instanz der Gemeindevorstand zuständig. Wir prüfen in erster Linie den formalen Ablauf des Verfahrens“, erklärt dazu Bezirkshauptmannstellvertreter Karl-Josef Weiss. Mehr könne er zu einem laufenden Verfahren nicht sagen.