Dieter Nuhr: Ernste Themen - mit Humor. Zu Gast auf der Donaubühne in Tulln: Dieter Nuhr im Gespräch über Wutbürgertum, Satire und die Ursache seiner Gelassenheit.

Von Thomas Peischl. Erstellt am 29. Juli 2021 (04:49)
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Mit 60 Jahren ist Kabarettist Dieter Nuhr gelassener als in jungen Jahren. Aber auch in seinem 13. Bühnenprogramm „Kein Scherz!“ versteht er es nach wie vor, nicht zur pointiert zu unterhalten, sondern mit seiner Satire auch das eine oder andere Mal zu provozieren.
Dieter Nuhr, Dieter Nuhr

Am Sonntag, 8. August, ist der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr zu Gast auf der Donaubühne. Die NÖN verlost 2x2 Tickets: Wer am Freitag, 30. Juli, bis 10 Uhr eine E-Mail an redaktion.tulln@noen.at schickt, hat vielleicht schon gewonnen. Zur Einstimmung gab der beliebte deutsche Künstler ein Interview:

NÖN: „Kein Scherz!“ ist Ihr erstes Bühnenprogramm ohne „Nuhr“ im Titel. „Nuhr eine Pause“ (verzeihen Sie, ich konnte nicht widerstehen) oder ist das auserzählt?
Dieter Nuhr: Was soll ich sagen: Ich hab es einfach weggelassen und jetzt fühle ich mich befreit.

Ich zitiere die Ankündigung für Ihren Auftritt in Tulln: „Das Leben ist kein Witz, kann aber trotzdem Spaß machen.“ Sie setzen auf die heilende Kraft des befreienden Lachens. Gibt es Themen, bei denen das nicht mehr funktioniert?
Es gibt immer mehr Leute, die versuchen, die Themen für Satire und Comedy enger zu fassen. Das erzeugt bei mir eine gewisse Resistenz. Das Leben bringt viele Härten mit sich und es endet mit der ultimativen Härte, dem Tod. Wo kommen wir hin, wenn wir das nicht mit Humor nehmen? Es ist außerdem mein Modus der Problemverarbeitung.
Das zunehmende Wutbürgertum von links, rechts, oben und unten geht mir auf den Geist. Daher: Ja, auch ernste Themen, wie Klimawandel oder Fragen der gesellschaftlichen Ordnung können mit Humor behandelt werden. Aber die Verbissenheit nimmt leider zu. Immer mehr Sätze fangen mit „Studien haben gezeigt …“ an. Das heißt soviel wie: Die Wahrheit ist auf meiner Seite. Wenn man dann nachfragt „Welche Studien?“ kommen die Leute gern ins Schlingern. Jedes Problem hat mindestens zwei, eher sogar 134 Seiten. Wahrheit ist ein schwieriges Problem.

Als Comedian und Wortkünstler scheuen sie weder Debatten, noch schrecken Sie vor Provokation zurück, Stichworte: Islam- oder Greta-Thunberg-Kritik. Sind die Reaktionen vorprogrammiert?
Die Debatte beginnt meist mit einer guten Pointe, etwa „Was macht Greta Thunberg wohl, wenn der Winter kommt? Heizen kann es ja nicht sein.“ Gute Pointen formulieren ein Dilemma, und wenn das passiert, sind die Leute besonders beleidigt. Darum sind dann auch die Reaktionen so hart und mit erhitzten Gemütern kann man nur schwer ambivalente Diskussionen führen. Früher hat die Satire vom Rand der Gesellschaft aus beobachtet. Heute blickt sie aus der Mitte an die Ränder, die sich gegenseitig massakrieren wollen.

Wahrheit ist ein schwieriges Problem

Sie wiegen Ihre Zuschauer gerne in trügerischer Sicherheit. Auf „Ja, genau!“ und „Echt witzig!“-Momente folgen immer wieder Statements in die Richtung „Hat er das jetzt wirklich gesagt?“…
Natürlich spielt man mit der Erwartung des Publikums. Und wie in der Musik ist das ein bewusst gesetzter Rhythmus mit Abstufungen und einem Bogen. Wenn ich etwas Bestimmtes sagen möchte, dann bette ich es in einen Zusammenhang ein, um möglichst wenig missverstanden zu werden, was aber immer seltener gelingt. Der Wille zum Missverstehen ist groß und die Leute ertragen es immer weniger, wenn der eigene Standpunkt oder die Einfachheit der eigenen Lösungen infrage gestellt werden. Probleme, wie beispielsweise aktuell das Hochwasser, so klein machen zu wollen, bis sie überschaubar sind, das funktioniert nicht.

Sie kontern der „ritualisierten Empörung“ mit abwägendenGedanken und gelassener Heiterkeit. Wie schaffen Sie es, selbst gelassen zu bleiben?
Mit Selbsthypnose und Alkohol… Nein, im Ernst, da spielt auch das Alter eine Rolle. Mit 60 blickt man anders auf die Welt als mit 16. Bei den „Fridays For Future“ sehe ich mich selbst mit 16 entlanglaufen.
Das Traurige ist, dass sich in den letzten 44 Jahren bei den Problemen und vor allem den Lösungen nicht viel getan hat. Aber ich kenne auch die Selbstüberschätzung bei der Lösungsfindung und Nachsicht führt zu Gelassenheit.
Außerdem ist mein bester Freund Psychologe.

In den letzten 20 Jahren haben Sie so gut wie alle Kleinkunst- oder Comedy-Preise erhalten. Welchen hätten Sie gerne noch?
Einen österreichischen Verdienstorden hätte ich natürlich noch gerne. Auf den Nobelpreis rechne ich mir eher wenig Chancen aus – obwohl: In der Kategorie Literatur haben den in letzter Zeit einige Leute bekommen, bei denen ich nicht unbedingt damit gerechnet hätte. Eine Ernennung zum Papst müsste ich ablehnen. Meine Frau ist dagegen.