Elektrostimulation reduziert Schluckstörungen. Die pharyngeale Elektrostimulation kommt niederösterreichweit im Universitätsklinikum Tulln erstmals zum Einsatz. Diese spezielle Therapie hilft Patienten nach Schlagfällen wieder schlucken zu lernen.

Von Red. Tulln. Erstellt am 22. November 2020 (04:55)
Michaela Trapl-Grundschober, Logopädin im Universitätsklinikum Tulln, wendet die pharyngeale Elektrostimulation bei einem Patienten an.
Universitätsklinikum Tulln

50 bis 80 Prozent der Schlaganfallpatienten leiden an Schluckstörungen. Ein gefährliches Symptom, da die Gefahr besteht, dass Teile der Nahrung in die Atemwege und bis in die Lunge gelangen. Dies kann zu schweren Lungenentzündungen führen – und in schlimmster Folge zum Tod. 

Im Universitätsklinikum Tulln kommt nun ein innovatives Gerät zum Einsatz, um dem Schlucken wieder auf die Sprünge zu helfen: die pharyngeale Elektrostimulation. 

Bei dem innovativen Gerät handelt es sich um eine umfunktionierte Ernährungssonde, die mit zwei kleinen Elektroden versehen ist. Diese werden im Rachen positioniert. Bei der ersten Behandlung wird die untere und obere Reizschwelle des Patienten ermittelt. 

Anhand dieser Werte wird der Patient an mindestens drei aufeinanderfolgenden Tagen für zehn Minuten stimuliert.  Der Erfolg ist meist rasch sichtbar: „Schon während der zehn Minuten Stimulation erhöht sich die Schluckfrequenz meist enorm“, sagt Michaela Trapl-Grundschober, Logopädin an der Stroke Unit und Expertin zum Thema Schluckstörungen.

Einsatzmöglichkeiten und Vorteile der pharyngealen Elektrostimulation

Die pharyngeale Stimulation eignet sich für beinahe jede Schluckstörung nach einem Schlaganfall und auch bei Patienten, die mit einer Trachealkanüle versorgt werden müssen. Sie kommt unter anderem auch auf der Intensivstation und sogar bei beatmeten Patienten zum Einsatz. 

"Auf das Gehirn übt die Elektrostimulation einen neuro-sensorischen Reiz aus – eine Art ,Kickstart' fürs Schlucken", erklärt Oberärztin Cornelia Brunner. "Neuro-plastische Prozesse werden gefestigt und sorgen dafür, dass der Schluckakt wieder besser ausgelöst wird." 

Professor Walter Struhal, Primar der neurologischen Abteilung, Oberärztin Cornelia Brunner und Logopädin Michaela Trapl-Grundschober (nicht am Bild) holten die moderne Behandlungsmethode ins Universitätsklinikum Tulln.
Universitätsklinikum Tulln

Das neue Gerät verbessert noch vieles mehr: „Die Methode kann die Chancen erhöhen, früher dekanüliert zu werden“, sagt Primar Walter Struhal. "Die Lebensqualität des Patienten kann dadurch verbessert werden, die Dauer des Aufenthaltes dadurch verkürzt werden. Gegen eine Anwendung spricht etwa, wenn jemand ein aktives, elektrisches Gerät im Körper hat. Die Zukunft wird zeigen, ob das Gerät auch bei anderen neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, die mit Schluckstörungen verbunden sind, zum Einsatz kommt", informiert das Uniklinikum Tulln.