200 Jahre Mode gegen ein Virus. Nina und Willi Stift lassen sich nicht unterkriegen. Nicht die erste Krise, wie die bewegte Unternehmensgeschichte zeigt.

Von Thomas Peischl. Erstellt am 27. Januar 2021 (03:48)
Juniorchefin Nina und Seniorchef Willi Stift mit Kassabüchern aus dem 19. und 20. Jahrhundert.
Peischl

Das Jahr 2020 wäre für das Modehaus Stift ein ganz besonderes gewesen. 200 Jahre Bestand hätten mit einer großen Party samt Jubiläums-Modeschau gefeiert werden sollen. Allein das Coronavirus vereitelte sämtliche Pläne.

Unternehmerin Nina Stift ließ sich davon nicht wirklich beirren. Sie schlüpfte kurzerhand in ihre „Corona-Hose“ und drehte Clips mit Modetipps, liebevoll in Szene gesetzt von Mama Christiane Stift an der Handykamera. Damit sorgte sie in sozialen Netzwerken für Furore und hielt die Firma auch in Lockdown-Zeiten im Gespräch. „Aber egal wie sehr ich mich bemühe, manchmal bin auch ich verzweifelt“, gesteht die quirlige Modelady. Was dann hilft?

„Ich kann mich nicht erinnern, dass wir irgendwann einmal vier Monate lang geschlossen hatten.“ Willi Stift

„Der Papa erzählt mir ein paar alte Geschichten und sagt: ,Schau Nina, irgendwie muss es ja weitergehen und dafür, dass wir so alt sind, schauen wir eh noch gut aus‘“, sagt Nina Stift und, „das muss man alles langfristig sehen, dann ist auch diese Pandemie hoffentlich irgendwann eine kurzfristige Angelegenheit.“

Bei einer 200-jährigen Unternehmensgeschichte gibt es viel zu erzählen und Willi Stift hat ein sehr gut sortiertes Archiv.

Begonnen hat alles im Jahr 1820 in Haugsdorf, wo Anton Stift ein „Kaufhaus für Textilwaren und Schuhe“ gründete. Ein Werbeflugblatt aus dieser Zeit verspricht: „Bedienung: streng reell, fachmännisch, nicht zu vergleichen mit nicht gelernten Händlern, Hausierern und Gelegenheitshändlern.“

Ein Versprechen, in dem Nina Stift noch heute eine große Stärke des lokalen städtischen Handels im Vergleich zum ausländischen Online-Handel sieht.

Nach Tulln kam das Modehaus 1885. Ein wohlhabender und -meinender Patenonkel aus Wien sagt zu Ignaz Stift (Großvater von Willi): „Schau dir dieses Haus in Tulln einmal an, wenn es dir gefällt, dann kaufe ich es dir!“ Es konvenierte offensichtlich, denn es handelte sich um die Adresse Rathausplatz 4, noch heute weithin bekanntes Stift-Stammhaus.

Ein weiterer Schatz aus Willi Stifts Fundus sind Kassabücher aus der Anfangszeit und aus den 1920er-Jahren. Im ersten „Cassa-Buch“ reicht der Platz noch für viele Jahre (nicht zu vergleichen mit moderner Buchhaltung nach heutigen Erfordernissen), für 1885 wird ein „Cassa-Bestand per 1. Dezember“ von 10.848 Talern ausgewiesen.

Taler? Richtig gelesen! „Wir haben jetzt schon die siebente Währung in unserer Unternehmensgeschichte und die fünfte Staatsform“, erzählt Willi Stift, „aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir irgendwann einmal vier Monate lang geschlossen hatten.“

„Wir haben jetzt schon die siebente Währung in unserer Unternehmensgeschichte und die fünfte Staatsform“ 

Auf den Taler folgten der Gulden, die Krone, der Schilling, die Reichsmark, wieder der Schilling und schließlich der Euro. Auf das Kaiserreich folgten die Erste Republik, der Ständestaat, die unselige Nazi-Herrschaft und unsere heutige Zweite Republik.

Aber bleiben wir bei den Währungen: Die Bücher der 1920er-Jahre veranschaulichen klar die sich abzeichnende Wirtschaftskrise mit galoppierender Inflation, ja letztlich sogar Hyperinflation. Zur Einordnung: 1922 kostete ein Laib Brot 5.670 Kronen, ein Herrenanzug 800.000 Kronen, Tendenz: steigend. Der Kassabestand von 1924 war mit 489 Millionen Kronen schon unglaublich, 1926 wies das Buch mehr als eine Milliarde aus.

„Das Geld wurde ein paar Mal abgewertet, aber man sieht, dass es immer irgendwie weitergegangen ist“, sagt Willi Stift.

Er selbst hatte im Jahr 1973, nach dem Tod von Wilhelm Stift sen. die Leitung des Modehauses übernommen. „In meiner Zeit ist die Corona-Pandemie die dritte große Krise, mit der wir es zu tun haben“, erklärt der Grandseigneur der Tullner Modeszene. Der erste Schlag gegen den Handel in den Städten sei von den Einkaufszentren auf der Grünen Wiese gekommen, der zweite durch den immer stärker boomenden Online-Handel.

„In meiner Zeit ist die Corona-Pandemie die dritte große Krise, mit der wir es zu tun haben“

„Aber weißt du was, Nina?“, sagt Willi Stift zu seiner Tochter, die schon seit einigen Jahren das operative Geschäft übernommen hat, „irgendwann werden die Leute die Jogginghosen wieder ausziehen und sich auch schön und elegant anziehen wollen. Mode gibt es schon ein paar tausend Jahre und wird es hoffentlich immer geben.“

Nina Stift, die unter anderem auch Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer NÖ und Vorsitzende der Berufsgruppe Textilhandel ist: „Der Papa motiviert mich immer wieder. Jetzt schauen wir, dass wir auch noch durch diese Krise kommen. Gemeinsam mit unseren Kunden und gemeinsam mit unseren Mitarbeitern, von denen gut ein Drittel schon länger als 30 Jahre bei uns ist.“ Bei Stift Mode geht es immerhin auch um rund 50 Arbeitsplätze und „dafür wird gekämpft“.

Und was macht Willi Stift sonst so? Nach einer erfolgreichen Hüft-OP freut sich der 85-Jährige darauf, im März endlich wieder Skifahren zu können.