Tullnerfelder holt Preis in Schweden. Ehepaar Veith feiert mit Minopera Erfolge in Jönköping und darüber hinaus – trotz unterschiedlicher Kulturwertigkeiten.

Von Thomas Peischl. Erstellt am 15. Oktober 2020 (03:37)
Annika und Wolfgang Veith studierten beide auf der Konservatorium Privatuniversität Wien (heute: MUK). Auf einer Tournee in Japan lernten sie einander besser kennen, verliebten sich und sind seitdem unzertrennlich. Die beiden haben drei Söhne: Moritz (10), Nils (7) und Linus (4).
privat

Aufgewachsen ist Wolfgang Veith in St. Andrä-Wördern (wie auch der Verfasser dieser Zeilen). Klassische Musik und Gesang spielten seit seinem vierten Lebensjahr (Früherziehung und Geige) eine große Rolle in seinem Leben. Als Mitglied der Wiener Sängerknaben trat er schon in jungen Jahren international auf. Als ausgebildeter Opernsänger wirkte er u.a. bei Salzburger Festspielen, Wiener Festwochen und Styriarte mit. Seit acht Jahren lebt Veith mit seiner Frau Annika im schwedischen Jönköping. Dort etablierten die beiden mit „Minopera“ ein Projekt, das Kinder erfolgreich für Opern begeistert. Die 120.000-Einwohner-Stadt honorierte das nun mit ihrem wichtigsten Kulturpreis. Die NÖN interviewte den Exil-Tullnerfelder.

NÖN: Wie ergeht es dir mit der Sprache?
Wolfgang Veith: Ich habe zunächst einen Sprachkurs besucht, den jeder Einwanderer gratis absolvieren kann. Es war lehrreich und spannend diesen Kurs gemeinsam mit Einwanderern aus Polen, Syrien , Thailand, Irak und vielen anderen Ländern besuchen zu können. Als ich hautnah die Erzählungen von geflüchteten Familien, Krieg aber auch Einsamkeit im neuen Land gehört habe, bin ich sehr dankbar geworden und habe erkannt, wie privilegiert wir sind, selbst bestimmen zu dürfen wo und wie wir leben können. Mittlerweile kann ich die Sprache so gut, dass ich neben der Arbeit eine Theaterchefsausbildung auf einer Privatuniversität und einen Universitätslehrgang zum Projektleiter auf schwedisch abgeschlossen habe.

Annika Veith ist Halbschwedin. Sie studierte Gesang und Medizin. Als sie auf die Turnuswarteliste kam und erfuhr, dass in Schweden Ärzte gesucht werden, reifte der Entschluss zu übersiedeln. Seit August 2012 leben die Veiths in der malerischen Stadt Jököping.
Destination Jönköping

Wie entstand „Minopera“?
Als Moritz vier Jahre alt war, wollten wir ihn in der Musikschule anmelden und bekamen als Rückmeldung, dass er mit acht wieder kommen kann. Minopera ist einfach aus der Not heraus entstanden, dass wir wollten, dass unsere Kinder mit klassischer Musik aufwachsen. Zuerst als Oper für Kinder gedacht hat Minopera sich innerhalb von fünf Jahren enorm entwickelt. Voriges Jahr hatten wir ungefähr 70 Vorstellungen mit sechs unterschiedlichen Stücken/Programmen. Von einem selbstgeschriebenen Stück für Ein- bis Dreijährige bis zum Galakonzert „Wien du Stadt meiner Träume“.

„Wenn man vor 100 Kindern spielt, die noch nie eine Opernstimme gehört haben, und nach der Vorstellung gehen sie nach Hause, singen die Arie des Papageno und fordern von den Lehrern, jetzt öfter Oper sehen zu dürfen, weiß man, dass man viel erreicht hat.“ Wolfgang Veith

Du kennst ja den (internationalen) Kulturbetrieb als Ex-Sängerknabe buchstäblich von Kindesbeinen an, was sind die Besonderheiten in Schweden?
Der größte Unterschied ist, dass die gut gebildete Mittelschicht bei Weitem nicht so kulturinteressiert ist wie in Österreich. Aber auch Essenskultur, Kaffeehauskultur, Streitkultur, Kultur des Miteinanders ist nicht so entwickelt hier. Die Menschen hier sind oft sehr Ich-konzentriert und haben es schwer ihre Gefühle zu zeigen.
Lagom ist das Zauberwort. Dieses Wort gibt es angeblich nur in der schwedischen und der japanischen Sprache und heißt so viel wie genau richtig. Also nicht gut, aber auch nicht schlecht - nicht froh aber auch nicht traurig - nicht warm aber auch nicht kalt. Manchmal wünscht man sich ein bischen weniger Lagom und mehr Gefühlsausbrüche. Es ist aber toll hier zu arbeiten: Wir haben viele interessante Menschen kennengelernt, flächendeckende ganztägige Kinderbetreuung, hohen Lebensstandard - wirklich ein großartiges Land! Und doch vermissen wir Österreich: die Menschen, die Kultur, die Gemütlichkeit und das Essen. Daher schielen wir trotz beruflicher Erfolge immer wieder mit einem Auge nach Österreich. Wir haben zum Beispiel begonnen internationale Projekte und Tourneen nach Deutschland und Österreich zu starten. Aber auch Schweden ist uns sehr ans Herz gewachsen, schauen wir einmal, was die Zukunft bringt.

Hier wohnen die Veiths. „Die Gegend zwischen Jönköping am Vätternsee und Möckelsnäs, die beiden Orte an denen ich meine Projekte betreibe, kann ich nur jedem empfehlen zu besuchen. Hier findet man das typische Småland aus den Pippi-Langstrumpf-Filmen und die Natur ist wunderschön“, sagt Wolfgang Veith.
privat

Last but not least: Corona - wie beurteilst du die unterschiedlichen Wege?
Es ist komisch in den schwedischen Zeitungen über den österreichischen Weg und in österreichischen vom schwedischen Weg zu lesen. Da wie dort wird vieles geschrieben, was nicht den Tatsachen entspricht, verschönert, verschlechtert, verdreht. Gerade wie man es braucht, um die eigene Strategie besser dastehen zu lassen. Unterm Strich glaube ich, dass manches in Schweden besser gemacht wird, anderes in Österreich.