Letzter Abend im „Baby’O“: Judenauer Kult-Disco ab sofort Geschichte

Erstellt am 10. Jänner 2023 | 15:32
Lesezeit: 3 Min
Was 1987 begann, endete 35 Jahre später: Das „Baby’O“ in Judenau war lange Zeit der Publikumsmagnet schlechthin.
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Zwei Stunden Wartezeit vor dem Eingang: Man fühlte sich am Christtag wie in frühere Zeiten zurückversetzt. Es war das letzte Mal, dass die Kult-Discothek „Baby’O“ mit Vollbetrieb ihre Pforten öffnete. Am vergangenen Samstag gab es noch eine „Abrissparty“, die das endgültige Aus des Freizeittempels markierte, Nitelife.at (die Partyzone der NÖN) hielt diese in Bildern fest:

Rückblende: Es war nicht so, dass es im Tullnerfeld Mitte der 80er-Jahre einen Discotheken-Mangel gab: Tulln („Inside“ mit Eingang Nussallee neben dem ehemaligen Stadtsaal), Langenlebarn, Baumgarten, die Shiloh-Ranch in Nitzing lockten an den Wochenenden.

Die erste Discothek etwas moderneren Zuschnitts entstand in Langenrohr mit dem „Club Holiday“, später „Caesar’s Palace“. Nach Langenrohr fuhr man als junger Tullner mit dem Disco-Bus; allerdings nicht direkt, sondern über Langenlebarn, St. Andrä-Wördern, Königstetten und Tulbing ging es ins Freizeitvergnügen.

Modernste Lasertechnik hielt in Judenau Einzug

Und eben in diesem Bus machte Anfang 1987 eine Meldung die Runde, die für prickelnde Vorfreude sorgte. In Judenau, so hieß es, sperrt der Gasthof Reither zu. Er soll in eine Discothek umgebaut werden.

Allerdings nicht in irgendeine Tanzstätte: Österreichs modernste Discothek, die erste mit der neuesten Lasertechnik, befand sich bereits in der Planung, ehe sie am 25. September 1987 eröffnet wurde. Mit Dress-Code, Jeans oder Turnschuhe waren zunächst verboten, dafür mit bombastischem Sound, einer Oldie-Bar und einer Pizzeria, in der ein Pizzakoch wirkte, weil aufgewärmte Snacks aus der Tiefkühltruhe damals noch verpönt waren.

Das „Baby’O“ war ein Familienbetrieb: Der legendäre Josef „Pepi“ Reither und seine Lebensgefährtin Maria, sein Neffe Franz Zika und seine Schwester Gerlinde, die an der Kassa saß, waren von Donnerstag bis Samstag voll im Einsatz. Der Tullnerfelder bevorzugte am Donnerstag das „Bermuda“ in Plankenberg, aber am Freitag und Samstag war viele Jahre lang „Baby’O“-Zeit; mit Höhepunkten wie dem „Rednex“-Konzert, die Band spielte mangels anderer Ohrwürmer ihren Hit „Cotton Eye Joe“ ein Dutzend Mal, was der Begeisterung der tausenden Besucher keinen Abbruch tat.

Später sorgte die Aufstellung einer lebensgroßen Michael-Jackson-Statue für Aufsehen. Kulinarisch blieb man am Ball: Am Parkplatz hinter dem Disco-Gebäude stand ein ausrangierter ÖBB-Waggon, in dem nach feucht-fröhlicher Nacht Käsekrainer mit Curry serviert wurden.

In den 2000er-Jahren traten erstmals rückläufige Besucherzahlen zutage, viele Discos kämpften mit der aufkommenden Clubbing-Szene. Nachahmer wie das „Dorian Q Gray“ in Leobendorf oder das „Miami“ in Hagenbrunn verschwanden ebenso von der Bildfläche wie der „Tanzpalast“ in Baden. Hartnäckig hielt sich das „Baby’O“, wenngleich die goldenen Zeiten vorbei waren. In den vergangenen Jahren gelang den Betreibern Romana und Stefan Berger eine kleine Renaissance, die nun ihr Ende fand.

Bald heißt es: Wohnungen statt Discothek, der Bereich, in dem sich die Pizzeria befand, wird in ein Café umgebaut.

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