Causa Pflegeheim: Ermittlungen gegen Pfleger laufen. Staatsanwaltschaft ermittelt nach Vorwurf des Quälens. Angehörige schildert Probleme mit Heim. SeneCura: „Interne Kommission hat Arbeit aufgenommen.“

Von Claudia Wagner. Erstellt am 07. April 2021 (04:35)
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen vier Mitarbeiter des SeneCura-Pflegeheims wegen des Quälens und Vernachlässigens. Eine interne Untersuchungskommission wurde eingeleitet.
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Es sind schwerwiegende Vorwürfe, mit denen sich das SeneCura-Pflegeheim in Sitzenberg-Reidling konfrontiert sieht: Quälen, Vernachlässigen und sexueller Missbrauch wehrloser Personen. Die Anschuldigungen richten sich gegen vier Mitarbeiter, bestätigte die Staatsanwaltschaft St. Pölten vergangene Woche einen Onlinebericht der „Kronen Zeitung“, ein Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet.

Vier Pfleger – drei Frauen und ein Mann, im Alter von 30 bis 45 Jahren – werden der Übergriffe auf Bewohner verdächtigt. Die Tatvorwürfe sollen bis ins heurige Jahr hineinreichen – wie lange der Zeitraum war, ist laut Staatsanwaltschaft Gegenstand von Ermittlungen, ebenso die Zahl der Opfer. Weiters wird geprüft, ob es körperliche Folgen oder Verletzungen gab.

Zu den Anschuldigungen konkretisierte Staatsanwaltschaft-Sprecher Karl Wurzer, dass Tathandlungen in Zusammenhang mit der Nahrungsverabreichung stattgefunden haben sollen. So soll teilweise Bewohnern Nahrung verweigert worden sein. „Weiters wird geprüft, ob die Medikation korrekt erfolgt ist“, sagte der Sprecher gegenüber der APA. Über einzelne Ermittlungsschritte werde keine Auskunft gegeben, betonte Wurzer.

Das beschuldigte Quartett soll sich in einer WhatsApp-Gruppe ausgetauscht haben. Einmal soll das Mobiliar eines Patienten laut „Kronen Zeitung“ beschädigt und der Vorfall dem Bewohner angehängt worden sein, damit er verlegt wurde.

Interne Kommission, Mitarbeiter freigestellt

Der Betreiber SeneCura hat die betroffenen Mitarbeiter nach Bekanntwerden der Vorwürfe freigestellt und eine Untersuchungskommission zur Klärung der Vorwürfe eingesetzt. Eine Sachverhaltsdarstellung wurde an die Staatsanwaltschaft geschickt. „Die Staatsanwaltschaft wurde eingeschaltet und unsere interne Untersuchungskommission hat die Arbeit aufgenommen“, erklärt SeneCura-Sprecherin Katrin Gastgeb auf NÖN-Anfrage. Derzeit könne man nichts Neues sagen.

Laut APA habe Senecura vor Bekanntwerden der Vorwürfe Kenntnis über den Verdacht erlangt, dass einzelne Mitarbeiter des Standorts mit Bewohnern „in herabwürdigender Art und Weise gesprochen“ und mutmaßlich auch in dieser Weise gegenüber Patienten gehandelt haben. Die Unternehmensleitung habe sofort entsprechende Schritte gesetzt: Eine interne Untersuchungskommission unter der Führung von Ombudsmann Günther Kräuter wurde eingesetzt, die Patientenanwaltschaft NÖ informiert und die von den Vorwürfen betroffenen Mitarbeiter wurden mit sofortiger Wirkung freigestellt.

Nicht überrascht von den Geschehnissen zeigt sich eine Zwentendorferin, dessen Angehörige im SeneCura-Pflegeheim Sitzenberg-Reidling betreut wird: „Dass etwas nicht stimmt, habe ich immer schon gesagt.“ Die Bewohnerin sei zwar nicht auf der betroffenen Station, aber dennoch gäbe es Probleme, etwa mit dem Essen. Auch Kleidung – etwa neu gekaufte Pullover oder Nachthemden – sollen verschwinden. „Hilfe in der Nacht, beispielsweise, um aufs WC zu gehen, wurde oft mit ,Das kannst du selber‘ abgelehnt“, versteht die Zwentendorferin nicht. Besonders heikel in Anbetracht der Umstände: Nachtmedikamente, von denen der Bewohnerin schlecht geworden sein soll. „Die hat sie zweimal bekommen. Auf Nachfrage hieß es dann ,Sie bekommen ja gar keine Nachtmedikamente‘. Das wurde nie aufgeklärt.“

„Dass etwas nicht stimmt, habe ich immer schon gesagt“

Unter Generalverdacht möchte die Angehörige das Pflegepersonal nicht stellen: „Es gibt Schwestern, für die würde ich meine Hand ins Feuer legen. Und der Schwester, die das alles gemeldet hat, gehört ein Orden.“ Dennoch ist sich die Frau – sie möchte anonym bleiben, um ihre Verwandte zu schützen – sicher: „Diese Probleme gibt es nicht nur bei uns. Und so etwas gehört aufgezeigt.“

SeneCura-Sprecherin Gastgeb reagiert auf die Anschuldigungen: „Es fällt mir schwer, auf anonyme Beschwerden einzugehen. Generell kann ich sagen, dass die Hausleitung jederzeit ein offenes Ohr für die Anliegen von Angehörigen hat. Darüber hinaus haben wir mit Günther Kräuter auch einen Experten mit langjähriger Erfahrung als Ombudsmann, der jederzeit für ein Gespräch zur Verfügung steht.“

Jetzt ist die Staatsanwaltschaft St. Pölten am Zug. Die Ermittlungen laufen, laut Anklagebehörde soll es mehrere Opfer geben. In der Causa Kirchstetten, die auf ähnlichen Vorwürfen basiert, wurde jahrelang ermittelt. Heuer im Februar wurden die vier Angeklagten nicht rechtskräftig zu bedingten Haftstrafen im Ausmaß von zwölf bis 18 Monaten verurteilt.