Vorwürfe gegen Pflegeheim: Hinweisgeberin verliert Job. Jene Mitarbeiterin, die Hinweise zu den vermeintlichen Missständen im Heim in Sitzenberg-Reidling lieferte, ist fassungslos: Sie wurde gekündigt. SeneCura bestätigt die Auflösung des Dienstverhältnisses und will die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abwarten.

Von Thomas Peischl und Claudia Wagner. Erstellt am 09. April 2021 (16:16)
SeneCura Pflegeheim Sitzenberg-Reidling
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Aufgewühlt meldete sich eine der beiden Aufdeckerinnen des Pflegeskandals im SeneCura-Heim in Sitzenberg-Reidling telefonisch bei der NÖN zu Wort: „Da ist man der Meinung etwas Gutes getan zu haben und dann wird man dafür bestraft?“

Was war geschehen? Mittwochabend wurden die beiden Betreuerinnen ins Pflegeheim zitiert. Dort warteten fix-fertig vorbereitete Unterlagen zur einvernehmlichen Auflösung der Dienstverhältnisse.

„Es wurde so dargestellt, als ob das in unserem besten Interesse sei, weil wir ja angeblich nicht mit dem psychischen Druck umgehen können, der nach diesen Ereignissen auf uns lastet“, schildert die Betroffene fassungslos. Sie steht kurz vor Abschluss ihrer Ausbildung als Fachsozialbetreuerin und war seit Dezember 2019 für SeneCura in Sitzenberg-Reidling tätig. Zunächst war sie geringfügig beschäftigt, erst mit April dieses Jahres wurde sie angestellt, was jetzt nur noch bis Ende des Monats laufen soll.

Sie habe schon im Sommer 2020 auf Missstände hingewiesen: „Damals beobachtete ich wie eine Kollegin zu einem Herrn, der im Sterben lag, ins Zimmer ging und ihn schlug und anspuckte. Ich meldete den Vorfall, aber er blieb ohne Konsequenzen, weil die Kollegin ja angeblich so kompetent war.“

Es blieb nicht bei einem Vorfall, die Zustände wurden immer schlimmer. „Dann fragte ich eine Kollegin, ob sie auch derartige Dinge mitbekommen habe. Sie brach in Tränen aus und wir beschlossen, etwas zu unternehmen“, schildert die Anruferin. Sie versteht genauso wenig wie ihre Mit-Aufdeckerin (eine ausgebildete Fachsozialbetreuerin, die von Anfang an bei SeneCura Sitzenberg-Reidling dabei war), warum darauf jetzt die Kündigung für beide folgte, erzählt die Anruferin: „Wir waren überzeugt, dass es jetzt bergauf geht. Wir waren erleichtert und auch bei den Bewohnern spürte man eine gelöste Stimmung.“

SeneCura: "Viele Fragen sind zu klären"

„Der Mitarbeiterin gebührt für ihre Hinweise zu den Vorkommnissen, die nun auf unsere Anzeige hin von der Staatsanwaltschaft untersucht werden, große Anerkennung“, erklärt SeneCura-Sprecherin Katrin Gastgeb die Situation. Aber: „Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen stehen noch am Anfang, viele Fragen sind zu klären. Das betrifft auch die Rolle dieser Mitarbeiterin. Daher ist man in einem Gespräch zum gemeinsamen Schluss gekommen, dass die Ergebnisse der Ermittlungen abzuwarten sind.“ 

Die Sprecherin bittet, das Team und die Bewohner nun zur Ruhe kommen zu lassen: „Die Situation ist für alle vor Ort sehr belastend und nach über einem Jahr Ausnahmezustand durch Corona ist es unsere Pflicht, die sehr engagierten Mitarbeiter auch ein Stück weit vor weiteren sehr belastenden öffentlichen Anschuldigungen zu schützen. Seien Sie versichert, dass wir die Ermittlungen der Behörden tatkräftig unterstützen und unsere Konsequenzen aus den Vorkommnissen ableiten.“  

Wenn die Ergebnisse der Staatsanwaltschaft es erlauben, stehe einer neuen Einstellung der Mitarbeiterin nichts im Wege. Gastgeb: „Dies wurde der Mitarbeiterin auch konkret zugesagt.“ Dass das Heim bereits im Vorjahr von den Vorfällen informiert wurde, schließt die SeneCura-Sprecherin aus: „Die Behauptung, die Mitarbeiterin hätte 2020 auf Missstände hingewiesen, denen aber nicht nachgegangen worden wäre, können wir nicht nachvollziehen.“

Am 30. März wurde Anzeige inklusive Sachverhaltsdarstellung bei der zuständigen Staatsanwaltschaft erstattet. Die Vorwürfe – Quälen, Vernachlässigen und sexueller Missbrauch wehrloser Personen – richten sich gegen vier Pfleger, es gilt die Unschuldsvermutung. Das Dienstverhältnis mit den von den Mutmaßungen betroffenen Mitarbeitern wurden von SeneCura mit sofortiger Wirkung gelöst und eine interne Untersuchungskommission unter der Führung von Ombudsmann Günther Kräuter eingesetzt.