Franz Bichler: Warum Impfen so wichtig ist. Tullner Stadtarzt Franz Bichler erklärt das wichtigste Mittel im Kampf gegen Corona und wie die Impfstrategie in Tulln laufen könnte.

Von Thomas Peischl. Erstellt am 22. Januar 2021 (03:29)
Die positiven Erfahrungen mit der Tullner Teststraße bestärken Stadtarzt Franz Bichler darin, jetzt auch eine Impfstraße zu propagieren.
Peischl

Der aussichtsreichste Weg aus der Covid-19-Pandemie führt über die Impfung. Die NÖN befragte dazu Stadtarzt Franz Bichler.

NÖN: Warum ist diese Impfung sowichtig?
Franz Bichler: Im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie gibt es nur zwei Strategien: erstens Kontakte meiden und zweitens Impfen. Impfen ist DAS Erfolgsrezept der Medizin und die beste Strategie gegen Viruserkrankungen, indem man den Körper befähigt Abwehrstoffe gegen das Virus zu bilden.

Sie sind mit der Materie vertraut: Gibt es wesentliche Unterschiede zwischen den Impfstoffen der einzelnen Hersteller?
Im Prinzip geht es darum, unseren Abwehrzellen einen Bauplan des Virus zu liefern. Die RNA-Impfstoffe der Firmen Pfizer und Moderna verpacken die RNA (Bauplan) in kleinste PEG-Teilchen (Polyethylenglycol). Bei den Vectorimpfstoffen der Firmen Astra-Zeneca und Curavec verwendet man harmlose Adenoviren als Träger um die Information (Bauplan des Virus) zu den Körperzellen zu bringen. Beide Impfstoffe lösen eine Immunreaktion zur Bildung von Antikörpern gegen das Virus aus. Alle Impfstoffe sind vielerorts getestet, nebenwirkungsarm und effektiv. Der Zeneca-Impfstoff ist etwas weniger immunogen, dafür aber besser lagerbar, hier reicht ein normaler Kühlschrank.

„Eigentlich sollten sich alle Tullner impfen lassen.“ Franz Bichler, Stadtarzt

Vielleicht können Sie ein paar Ängste nehmen. Wie läuft die Covid-19-Impfung ab und wie lange dauert das pro Patient?
Um ein besonders sicheres Impfen zu garantieren werden die Patienten vor der Impfung mittels normierten Aufklärungsbogen aufgeklärt. Im Idealfall vom Hausarzt, der ihre Vorgeschichte kennt. Patienten, die eine immunsuppresive Therapie erhalten, also z.B. bei MS, Psoriasis, entzündlichen Darmkrankheiten oder entzündlichem Rheumatismus, sollten noch vor der Anmeldung mit ihrem Haus- oder Facharzt sprechen, damit ein optimaler Zeitpunkt festgelegt werden kann. Der dem Impfling zugewiesene Termin muss exakt eingehalten werden, da der Impfstoff nur 20 Minuten nach Aufbereitung verwendet werden kann. 15 bis 30 Minuten nach der Impfung werden Impflinge nachbeobachtet.

Wie viele Menschen müssen alleine in Tulln geimpft werden, damit wir annähernd Herden-Immunität erlangen?
Eigentlich sollten sich alle Tullner impfen lassen, wenn sie an der Reihe sind, mit Ausnahme von Jugendlichen bis 16 bzw. 18 und Schwangeren. Diese beide Gruppen wurden in den bisherigen Studien nicht eingeschlossen. Damit können wir bis Herbst zu einem normalen Leben zurückkehren. Herdenimmunität kann dadurch aber nicht erreicht werden, da sich das Virus unter den Kindern und Jugendlichen weiter verbreiten wird und Nichtgeimpfte infizieren kann.

Sie sind kein Freund der Covid-19-Impfung in Arztpraxen, wo sehen Sie die Risiken?
Der Grund meiner Skepsis ist die räumliche Begrenzung des Wartebereichs in den Praxen. Bei ordnungsgemäßer Durchführung muss der zu Impfende mit 30 bis 45 Minuten Aufenthalt rechnen. Wenn in der Stunde mindestens 12 Personen geimpft werden sollen, wäre das Wartezimmer überfüllt und damit bestünde die Gefahr einer Clusterbildung, da die nötigen Abstände nicht eingehalten werden könnten. Außerdem hat ein Hausarzt mit Kassen jetzt schon über 100 Patienten pro Ordinationstag zu betreuen.

Tulln hat sehr gute Erfahrungen mit der Teststraße am Messegelände gemacht, ist auch eine Impfstraße denkbar?
Wie schon erwähnt, scheint mir aufgrund meiner jahrelangen Erfahrung zumindest im städtischen Bereich nur eine „Impfstraße“ praktikabel. Die positiven Erfahrungen mit der Tullner Teststraße bestärken mich in meiner Meinung.

Wann rechnen Sie selbst damit geimpft zu werden?
Bis Ende Jänner wird in Pflegeheimen und Krankenhäusern geimpft. Ich hoffe, dass wir niedergelassenen Ärzte und unsere Ordinationsmitarbeiter Anfang Februar geimpft werden können. Infektionen von Praxismitarbeitern wären eine Katastrophe und würde zur Schließung von Arztpraxen führen. Wann breitflächig geimpft werden kann, ist abhängig von der Lieferbarkeit der Impfstoffe und der Gestaltung einer einfachen Anmeldemöglichkeit. Besonders ältere Personen sind nicht sehr internetaffin.