Musik ohne Scheuklappen. Tulln: Initiative „musik aktuell“ öffnet Nischen und bringt Ungewohntes auf die Bühne.

Von Claudia Wagner. Erstellt am 09. April 2021 (03:23)
Eins von vielen Highlights der „musik aktuell“-Saison 2021: ein Konzertabend der Ensembles „Mocatheca“ und „quinTTTonic“.
quinTTTonic

Ein Konzert von Jazzposaunist und Dirigent Christian Muthspiel hat den klangvollen Startschuss für „musik aktuell – neue musik in nö“ gegeben. 25 Jahre und 1.500 Projekte später feiert die Veranstaltungsreihe Jubiläum.

Das Besondere an „musik aktuell“? Die Initiative fördert nicht die Musikschaffenden direkt, sondern unterstützt regionale Veranstalter, die sich trauen, neue Musik auf die Bühne zu bringen. „Damit können wir zeitgenössische Musik langfristig in den Regionen etablieren und für Künstler neue Auftrittsmöglichkeiten abseits der städtischen Musikzentren schaffen“, schwärmt Geschäftsführer Gottfried Zawichowski, der das Konzept 1996 gemeinsam mit der Kulturabteilung des Landes NÖ entwickelt hat.

Und der Erfolg gibt ihm recht: Über 1.500 Projekte konnten seit Bestehen in Kooperation mit regionalen Veranstaltern durchgeführt werden. Die Besucheranzahl steigt seit zehn Jahren kontinuierlich an und erreichte in der Saison 2019 mit rund 21.800 Besuchern in 113 geförderten Veranstaltungen in Niederösterreich ihre vorläufige Spitze.

Zawichowski: „Die Bilanz nach 25 Jahren ist aus unserer Sicht schlicht sensationell: Wir konnten über 1.500 Projekte in ganz NÖ zur Realisation verhelfen. Das ist eine unglaubliche Zahl und beweist, dass das Konzept ,musik aktuell‘ angenommen wurde. Auch die durchschnittliche Publikumsauslastung von fast 80 Prozent ist bemerkenswert: Neue Musik ist kein Nischenprogramm mehr – das Publikum liebt Neues und Ungewohntes.“ Grund zu feiern hätte die Initiative also – wenn da nicht Corona wäre. „Die Corona-Zeit bedeutet für ,musik aktuell‘ eine echte Pause, eine Zäsur. Da unser Konzept auf die Koproduktion von Live-Konzerten in den NÖ Regionen aufbaut, ist es eine traurige Tatsache, dass seit November nichts stattfinden kann“, schildert der Musikfabrik NÖ-Geschäftsführer, „wir mussten im Jahr 2020 etwa 50 Prozent der Konzerte absagen bzw. verschieben, im Jahr 2021 sind an die 120 Konzerttermine geplant, die Saison konnte aber bisher nicht starten.“

„Die Bilanz nach 25 Jahren ist aus unserer Sicht schlicht sensationell"

Eine Vielzahl an Events ist für 2021 geplant. Und auch am Jahresprogramm für 2022 wird schon emsig gewerkt: Der Komponist, Pianist, Musikpädagoge und -wissenschaftler Harald Huber wurde ausgewählt, als „artist-in-residence“ die kommende Saison 2022 zu kuratieren. Unter dem Schlagwort Menschenrechte / Musikrechte können Künstler noch bis 1. Mai ihre Projektvorschläge einreichen.
Noch ist die Kultur aber in der Warteschleife – mit fatalen Folgen. Weil die Saison noch nicht starten konnte, „verschieben sich die Termine immer weiter nach hinten. Viele unserer Künstler sind daher in ihren Existenzen bedroht – daher versuchen wir, durch Hilfszahlungen aus dem laufenden Budget zu helfen“, erklärt Zawichowski, indem wir den Veranstaltern bis zu 50 Prozent der Künstlergage aus unserem Fördertopf ersetzen, tragen wir auch wesentlich zu fair pay am Musikmarkt bei!“

Der Zukunft blickt „musik aktuell“ optimistisch entgegen. Zawichowski: „Wir wünschen uns natürlich, dass wir wieder Live-Musik veranstalten können. Und wir wünschen uns, dass Gesellschaft und Politik die Kunst und Kultur nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als Lebensmittel erkennt. Und als Wirtschaftsfaktor: Wir tragen zum Bruttoinlandsprodukt mehr bei als die gesamte Landwirtschaft.“